Kategorie(n) | Baltikum

Integrationsprogramm Estlands hat versagt

Veröffentlicht am 17 Oktober 2007 von Paul Becker


Eine erneute soziologische Untersuchung über die Nationale Frage Estlands zeigte, dass es zwischen den Esten und Russen, die in Estland leben, nationale und kulturelle Unterschiede existieren. Die Tallinner Stadtskanzlei beauftragte die Firma Saar Poll und das estische Institut der open society mit einer gesamtestischen Untersuchung zu dem Thema: “Interethnische Beziehungen und Integrationsperspektiven in Estland”.

Die Ergebnisse der Untersuchung wurden von Ivi Proos und Iris Pettaj vorgestellt. Es ist schon die zweite breitangelegte soziologische Untersuchung, die in Estland nach der Aprilkrise durchgeführt worden ist – die Erste wurde vom Büro des Bevölkerungsministeriums in Auftrag gegeben.

Parallel dazu wurde auch eine Expertenumfrage durchgeführt, die auch die Presentationsergebnisse beeinflusst hat.

Der führende Soziologe der “Saar Poll” – Andrus Saar, der die beiden Umfragen leitete, sagte im Interview, dass es sich seit der letzten Untersuchung von vor drei Monaten nur wenig geändert hat.

© Marina Pushkar: www.postimees.ee

“In der Umfrage vom July dieses Jahres, schenkte man große Aufmerksamkeit der Rolle der Medien in der objektiven Berichterstattung in Estland. Als Grundlage der Umfrage wurde meiner Meinung nach erfolgreiches Kriterium der Integrationstiefe der Nichtesten genommen. Die beiden Untersuchungen haben gezeigt, dass trotz des Vorhandenseins der formalen Integrationsmerkmale, der wesentliche Teil der Nichtesten sich als Menschen zweiter Klasse empfindet.” – sagte Andrus Saar

Laut den Ergebnissen der Untersuchung, gestanden sowohl die Esten, als auch die Russen, dass sie nach den April- Ereignissen das Gefühl haben, die interethnischen Beziehungen haben sich verschlechtert.

Doch in reale Konflikte oder verbale Streitigkeiten über diese Themen waren nur 13 % der Esten und 26 % der Nichtesten involviert. Der überwiegende Anteil der verbalen Steitigkeiten fand zwischen den Esten und nichtestischen Personen, die fließend Estisch sprechen.

Wie die Untersuchung zeigte, haben sich die erwarteten Resultate des letzten Integratonsprogramms nicht bestätigt. 52% der Esten und 69% der Russen sind der Meinung, dass das Programm versagt hat.

73% der befragten Minderheitenvertreter sagten, dass sie Angst vor Assimilierung haben, 82% sind der Meinung, dass der Staat ihrer Meinung nicht oder nicht ausreichend Beachtung schenkt. 3/4 sind mit der allgemeinen Staatsführung unzufrieden, 81% halten sich für die Menschen “zweiter Klasse”.

Ca. 20% der befragten Personen hatten russische Staatsbürgerschaft, doch als russische Russen verstehen sich nur 4% der Respondenten.

Bei der Erarbeitung des neuen Integrationsprogramms sollte die Regierung nach Meinung der Landessoziologen, nicht mehr auf die Erlernung der Sprache und die Einbürgerung der Nichtesten setzen, sondern in erster Linie bei den Nichtbürgern des Landes das Gefühl der Sicherheit, der Toleranz und der Vertrauenszunahme zu erwecken und sie zu mehr sozialen Aktivitäten bewegen.

Die Wissenschaftler leiteten folgenden Begriff ab, der die Integration und das betrifft, worauf die Regierung bei der Ausarbeitung der neuen Integrationsstrategie Acht geben muss. Es heißt “venekeelne eesti meelsus”, was ungefähr wie “russischsprachige Pro- Estfinesse” zu übersetzen wäre. Andersrum gesagt, man sollte darüber nachdenken, wie man die in Estland lebende Russen dazu bewegen kann, dass sie bei der Beibehaltung ihrer eigenen Identität stolz darauf wären, in Estland zu leben.

Quelle: rosbalt

Übersetzung: Paul Becker/ gusnews

Kommentar: Als Antwort auf diese Untersuchung kann man die Reaktion des Bevölkerungsministeriums auffassen, die auf veneportaal publiziert wurde:

“In Estland werden die Mittel für die Integration von Russen erhöht”

und zwar von 36 auf 55 Millionen estische Kronen jährlich. Die Mittel stammen aus dem Staatsbudget und verschiedenen europäischen Projektfonds.

Die Mittel des Fonds sollen insbesondere der Unterstützung von Bewohnern Estlands, die keine estische Staatsbürgerschaft besitzen, sich jedoch um diese bemühen, zugutekommen. Also genau das Gegenteil davon, was die führenden Soziologen des Landes empfohlen haben.

Jedoch muss an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass bei dem neuesten Integrationskonzept, welches von dem Bevölkerungsministerium entwickelt wird, zum ersten Mal erwähnt wird, dass die Integration den doppelseitigen Charakter haben kann und sich nicht nur auf die Erlernung der estischen Sprache beschränken muss, da die jüngere Generation der Nichtesten, nach Meinung der Experten, über ausreichende Estischkenntnisse verfügt.

Crosslinks:

- Grenzkonflikte: Stillstand zwischen Baltikum und Russland
- Russland will Ölexport über Baltikum und Ukraine einstellen
- Erdöl-Lieferungen nach Estland aus Russland wieder normal
- Die fünfte Front
- Simon-Wiesenthal-Zentrum brandmarkt Versammlung von SS-Veteranen in Estland

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