Archive | April, 2008

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Analysen: Rente und Rentner in Russland seit 1991 1. Teil

Veröffentlicht am 30 April 2008 von Paul Becker

Es wurde viel über die schwierigen russischen Transformationsjahre 1991- 2001 geschrieben und diskutiert. Ich möchte an dieser Stelle und auf diesem Weg meinen bescheidenen Beitrag zur Diskussion beitragen.

„Das Wort Rente entspricht dem altfranzösischen Wort rente – Ertrag, und ist wahrscheinlich abgeleitet aus dem lateinischen reddere – zurückgeben.“

Bildquelle: zeka.ru

Die Geschichte der Rente geht sehr weit zurück. Im Mittelalter entwickelten sich bereits Einrichtungen zur Selbsthilfe auf genossenschaftlicher Basis. Zu den ältesten Institutionen gehören die Gemeinschaften der Bergleute. Zur Unterstützung im Falle von Not und Krankheit wurden Umlagen erhoben (Büchsenpfennig). Die gesetzliche Rentenversicherung existiert bereits seit über 110 Jahren, sie wurde gemeinsam mit anderen Sozialversicherungen zum ersten Mal in Deutschland durch Bismarck 1889 eingeführt.

In der heutigen Gesellschaft hat die Vorsorge für das Alter einen besonders hohen Stellenwert. Es gilt, auch im Ruhestand den Lebensstandard erhalten zu können. Wie sieht es mit der Rente in Russland aus? Hat sich seit der Sowjetzeit etwas verändert? Vieles ist bereits über die Entwicklung der Russischen Föderation in den 90er Jahren geschrieben und untersucht worden. Aber wie sah und sieht es denn mit der russischen Rente und russischen Rentnern aus? Wie haben sie die schweren Jahre der Transformation, die Hyperinflation und massenhaften Nichtauszahlungen der Löhne, Gehälter und Renten ausgehalten? Welche Überlebensstrategien haben die russischen Rentner entwickelt?

Die durchschnittliche Lebenserwartung der männlichen Bevölkerung in Russland lag in den 90er Jahren bei unter 60 Jahren während Frauen durchschnittlich 75 und mehr Jahre gelebt hatten. In diesem Zusammenhang ist es auch besonders wichtig der Frage nachzugehen, ob die Struktur der Haushaltseinkommen und –ausgaben der alleinstehenden Rentnern und der Rentnerehepaare sich voneinander unterscheiden.

Was hat denn die russische Regierung in den 90er Jahren unternommen, um den Rentnern zu helfen und hat sie etwas unternommen? Und ist es mit um das Rentensystem der Putin- Regierungszeit bestellt? Ist die Rentenreform 2002 erfolgreich gewesen?

Das sind die Leitgedanken, die mich beschäftigen und die ich in dieser Analyse untersuchen möchte.

Rente in der UdSSR

Um besser die Veränderungen im Rentensystem, die in Russland seit 1991 vonstatten gingen, verstehen zu können, müsste man zunächst das Rentensystem der UdSSR analysieren.

In den alten RGW- Ländern, allen voran der UdSSR herrschte ein ständiger Arbeitsmangel. 1989 gab es in der SU nur 0,5%igen jährlichen Zuwachs an der Bevölkerung im Erwerbsalter. Und die bereits hohen Erwerbsquoten verschärften die Situation nochmals. Die Beschäftigungspolitik der SU stand unter dem Druck der sozialistisch geprägten Sozialpolitik. Diese Verlangte eine Reihe von Regelungen, die nicht unbedingt im Einklang mit wirtschaftlichen Bedürfnissen stand. Der Übergang der Arbeitnehmer in den Ruhestand ist ein typisches Beispiel dieser Bedingungen. Aus sozialpolitischen Gründen waren die Altersgrenzen für den Anspruch auf die Rente viel niedriger festgesetzt, als es in der westlichen Welt üblich ist. Dies wirkte nicht nur ungünstig auf den Stand der Beschäftigung, sondern auch mindernd auf die Renten, deren niedrige Beiträge zur weiteren Beschäftigung im Alter zwangen. Die Tatsache, dass die Rentenfonds über den Staatshaushalt geführt wurden, war ein zusätzliches Hindernis für die ökonomische Handhabung diesen Fond. Die festlegten Rentenabgaben waren niedrig und deckten nicht die Pensionsausgaben. So deckten 1988 die abgeführten Rentenbeiträge nur 43% der Gesamtausgaben für die Renten. Den Rest musste der Staatshaushalt bezuschussen. Die Gesamtausgaben für die Renten betrugen 1988 5,5% des BIP. Und der Polster war so dünn, so dass für die nächste planmäßige minimale Rentenerhöhung keine finanziellen Mittel mehr frei waren.

2.1       Zeitliche Voraussetzungen für den Übergang in den Ruhestand

Die Notwendige Altersgrenze für den Übergang in den Ruhestand war in der UdSSR weit niedriger angesetzt, als in den westlichen Staaten. Es gab auch einen Unterschied zwischen den Männern und Frauen. Sie lag bei 60 Jahren für die Männer und bei 55 Jahren für die Frauen. Die Altersgrenze war nach oben variabel, nach unten konnte sie jedoch nur im Zusammenhand mit besonderen Arbeitsbedingungen verändert werden. Auch die notwendigen Arbeitsjahre variierten nach dem Geschlecht. Sie lagen für Männer bei 25 und für Frauen bei 20 Jahren. Auch die Zeit der mit der Arbeitsstelle verbundenen Schulung und bei den Frauen die Zeit des gesetzlichen Sonderurlaubs für die Pflege der Kleinkinder wurde mit eingerechnet. Zudem wurden die Arbeitnehmer bezüglich der Bedingungen für den Übergang in den Ruhestand in drei Kategorien eingeteilt. In die erste Arbeitskategorie fielen hauptsächlich die unter Tage oder unter gefährlichen oder schädlichen Bedingungen arbeitende Menschen, in die Zweite die Schwerarbeiter und in die dritte all die anderen. Für die ersten beiden Kategorien verkürzte sich die notwendige Arbeitsdauer erheblich und die Altersgrenze für das Erreichen des Ruhestandes wurde niedriger angesetzt.

2.2       Die Berechnung der Altersrenten

Zur Berechnung der Rente wurden in der UdSSR einfache Prozentsätze auf die Berechnungsbasis gelegt. Es existierten eine Minimal- und eine Maximalrente. Für die Berechnung der Altersrente in der UdSSR nahm man als Basis den günstigsten Fünfjahresdurchschnitt der Monatsverdienste aus den letzten zehn Jahren aktiver Arbeit. Und die Rente wurde als Prozentsatz von dieser Basis berechnet und zwar unterschiedlich nach Verdienstgruppen. So sind Ende der 70er folgende Prozentsätze angewandt worden:

Tabelle 1: Verdienstgruppen und die dazugehörigen Rentensätze.


Für die Monatsverdienste über 240 Rubel wurde die Altersrente von 120 Rubel festgelegt. Gegenüber diesem Maximum lag die Minimalrente in der UdSSR seit 1971 bei 45 Rubel für Arbeiter und Angestellten, die in der Stadt lebten und 38,25 Rubel für die Landbewohner.

Tabelle 2: Durchschnittlicher monatlicher Verdienst und Altersrente in der UdSSR 1980

.¹ Berechnet auf der Basis des durchschnittlichen Monatsverdienstes bei normalen Arbeitsbedingungen (3. Kategorie)

Der durchschnittliche Monatsbetrag einer Altersrente lag 1980 in der UdSSR bei 81 Rubel, was ca. 48% des durchschnittlichen monatlichen Verdienstes war. Die Anpassung der Altersrenten war in Anbetracht der seltenen Preiserhöhungen als eine Gabe des sozialistischen Staates gesehen und wurde im Rahmen der Sozialpolitik durchgeführt.

2.3 Rentenversicherungsbudget

Wie in allen RGW- Ländern liefen die Einnahmen und Ausgaben der Sozialversicherung, also auch der Rentenversicherung über den Staatshaushalt. Die Einnahmen des Rentenfonds setzten sich aus den Einzahlungen der Betriebe für die Rentenversicherung der Beschäftigten und aus dem Beitrag des Staatshaushaltes zusammen. Der Anteil des Sozialversicherungsaufwands am Staatshaushalt der UdSSR lag Ende der 80er bei über 12%. Die Rentenausgaben allein machten über 6% der Staatsausgaben aus und hatten eine wachsende Tendenz, was sich eher durch den Altersstrukturbedingten Anstieg der Bevölkerung als durch die Verbesserung der materiellen Verhältnisse der Rentner erklärt. Die Sowjetunion wies nach der Tschechoslowakei die zweithöchsten Anteile der Staatszuschüsse an den Einnahmen der Sozialversicherung. Sie betrugen in den 80ern mehr als 60%.

2.4 Erwerbstätigkeit von Rentnern

Die allgemeine Entwicklung der Alterstruktur der sowjetischen Bevölkerung zeigte eine Tendenz zum altern, obwohl die Maßnahmen zur Erhöhung der Geburtenzahl einige Erfolge hatten. Die weitere Beschäftigung der Werktätigen im Alter war deswegen in der Sowjetunion sehr verbreitet. Die Rentner stellten einen erwünschten Beitrag zum Erwerbspotential dar und wurden zu einer weiteren Beschäftigung stimuliert. Der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtzahl der Beschäftigten wuchs ununterbrochen und erreichte 1987 mehr als 6%. Ca. 20% der Bevölkerung im Rentenalter blieben weiter im Erwerbsleben. Ihre Arbeit war am wichtigsten in den Bereichen der Landwirtschaft und des Bildungs- und Gesundheitswesens. Auch ein hoher Anteil der Arbeiter an der Gesamtzahl der erwerbstätigen Rentner war auffällig. Dies ergab sich wohl nicht nur aufgrund der materiellen, sondern auch der psychosozialen Bedürfnisse.

Es gab allerdings geschlechtliche Unterschiede bei der Erwerbstätigkeit der Rentner. Etwa die Hälfte aller arbeitenden Männer blieb nach dem Erreichen des Rentenalters weiter im Arbeitsverhältnis. Einige stiegen nach drei Jahren, die meisten jedoch erst nach acht Jahren endgültig aus. Dagegen blieb nur ein Drittel der Frauen etwa bis zum 65. Lebensjahr weiter in Beschäftigung. Die Möglichkeit einer Frau sich besser in ein reines Familienleben zu integrieren, spielte dabei sicher auch eine Rolle.

Auf die Bereitschaft, weiter erwerbstätig zu bleiben, hatte das System der Entlohnung einen wichtigen Einfluss. In Osteuropa wurden diesbezüglich zwei unterschiedliche Systeme angewandt. Nach dem Ersten konnte der Arbeitnehmer nach dem Erreichen des Rentenalters ohne Rentenbezüge weiterhin Lohn bzw. Gehalt beziehen, während der Rentenanspruch sich jährlich um einen bestimmten Prozentsatz erhöhte. Das Zweite System ermöglicht den gleichzeitigen Bezug von Rente und Einkommen. In der Sowjetunion wurde das Zweite System, mit den Abschlägen in der Rente, angewandt. Daneben hat man erfolgreich die Möglichkeit genutzt, die Rentner gemäß ihren physischen und psychischen Bedürfnissen in der Teilzeitarbeit einzubinden.

Diesen Kapitel abschließend kann man sagen, dass die Regelungen für den Übergang in den Rentenalter in der UdSSR völlig unter den Bedingungen des Arbeitskräftemangels, der alternden Bevölkerung, der zu frühen Pensionierung und der unzureichenden Kapitaldeckung des Rentenfonds durch die Einzahlungen der Betriebe, standen.

Paul Becker für GUS- News

Crosslinks:

Analysen

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Analysen: Migration von Spezialisten aus Osteuropa 3. Teil

Veröffentlicht am 28 April 2008 von Paul Becker

Migrationsbewegungen

Doch wie stark sind die Migrationsbewegungen? Was sind die Flüsse? Ich möchte Anhand von ein paar Grafiken die wichtigsten Strömungen Hochspezialisten aus Osteuropa als Ganzes und dann die zwei meiner Meinung nach am gegenseitlichsten liegende Länderbeispiele von Russland und der Ukraine.

© gusnews. Für bessere Auflösung auf das Bild klicken.

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Analysen: Migration von Spezialisten aus Osteuropa 2. Teil

Veröffentlicht am 24 April 2008 von Paul Becker

Um Gründe von Wanderungen der Hochqualifizierten zu untersuchen, nutzen traditionelle Ansätze der Migrationsforschung häufig Modelle, die internationale Migrationen im Rahmen von sogenannten Push- und Pull-Faktoren erklären.

Damit ist gemeint, dass es vom Aufnahmeland (Pull-Faktoren) oder vom Sendeland (Push-Faktoren) ausgehende Kräfte gibt, die Migrationen bestimmen. Ich unterteile die Push- und Pull Faktoren in drei Kategorien: wirtschaftliche, politische und soziale (private).

© gusnews

Wirtschaftliche Faktoren

Politische Faktoren

Soziale Faktoren

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Analysen: Migration von Spezialisten aus Osteuropa 1. Teil

Veröffentlicht am 23 April 2008 von Paul Becker

Immer mehr Menschen verlassen im Laufe ihres Lebens das Land, in dem sie geboren wurden. Gegenwärtig wird davon ausgegangen, dass etwa 191 Millionen Menschen, das sind ca. 3 Prozent der Weltbevölkerung, nicht in ihrem Herkunftsland leben. Obschon grenzüberschreitende Wanderungen kein neues Phänomen sind, zeichnen sich seit einigen Jahren deutliche Veränderungen im internationalen Migrationsgeschehen ab. Viele Länder, die vormals nur Sendeländer waren, nehmen mittlerweile auch Immigranten auf. Dazu kommt, dass kurzfristige (teilweise unter einem Monat) oder zirkuläre Wanderungen, bei denen Migranten zwischen Heimat- und Aufnahmeland hin- und herpendeln generell an Bedeutung gewonnen haben.

© gusnews

Die Migrationsforschung ging lange davon aus, dass Migranten relativ arm und ungebildet sind. Man nahm an, dass gebildete Menschen über genügend Möglichkeiten in ihren Heimatländern verfügten und für sie deshalb keine Notwendigkeit zur Migration bestand. Zudem herrschte die Vorstellung vor, dass Migranten aus weniger entwickelten Regionen oder Staaten kommen mit einem weniger entwickelten Bildungswesen. Die Forschung wurde dementsprechend von dem Bild beherrscht, dass Migranten vor allem manuelle Arbeitsplätze der Industrie besetzen und demnach die Erscheinung Migration die Migration von Un- oder Niedriggebildeten sei. Erst gegen Ende des 20. Jahrhundert wurde die Migration von Hochgebildeten von der Forschung verstärkt wahrgenommen. Dies wurde ausgelöst durch die zunehmende unternehmerische Nachfrage nach hochqualifizierten Kräften in Forschung Entwicklung Verwaltung und Management.

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