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Analysen: Interethnische Beziehungen in der Russischen Föderation am Beispiel von Tatarstan 2. Teil

Veröffentlicht am 17 April 2008 von Paul Becker


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Als nächstes müsste man die Frage beantworten was die Schlüsselvoraussetzungen für eine interethnische Integration und friedliches Zusammenleben sind?

Nikolai Genov nennt in seinem Aufsatz “Comparing Patterns of interethnic integration” diesbezüglich vier Ansatzpunkte:

1. Interethnische Integration setzt eine Anerkennung des Bedarfs für gleiche ökonomische Möglichkeiten für Repräsentanten aller ethnischen Gruppen in der Gesellschaft voraus. Der Zugang zu Arbeit, insbesondere zu einer qualitativ hochwertigen Arbeit, zusammen mit den gleichen Möglichkeiten für private ökonomische Aktivität bilden die Grundpfeile der interethnischen Integration.

2. Der Andere Grundpfeil für eine erfolgreiche Interethnische Integration ist die Parität in Rechten und Möglichkeiten in der politischen Partizipation

3. Die dritte Komponente beruht sich auf die Einbeziehung in das kulturelle Leben. Der Schlüssel zu Realisierung dieser Voraussetzung ist die gemeinsame Sprache und geteilte kulturelle Institutionen.

4. Und Viertens muss eine breitgefächerte wertnormative Identifikation mit der existierenden Gesellschaft gegeben werden, die sich durch alle ethnische Gruppen durchzieht. Diese Voraussetzung kann nur dann erfüllt werden, wenn unterschiedliche Ethnien gemeinsame, geteilte Traditionen haben und das Verständnis für geteilte Aufgaben und Zukunft aufbringen.

Sind diese Voraussetzungen in Tatarstan gegeben?

Zunächst muss man an dieser Stelle erwähnen, dass es sich bei den Ethnien in der Republik Tatarstan um eine eigenartige Konstellation handelt. Die Tataren bilden die größte Minderheit in der Russischen Föderation (rund 5,5 Millionen, oder 3,8% der Gesamtbevölkerung), in Tatarstan selbst sind sie aber in der Mehrheit (3,8 Millionen, oder rund 51,3%. Deshalb ist die Situation sehr fassettenreich.

zu 1) Bei einer Studie “Comparing sicietal integration of Turkish and related minorities; Istitutional strategies in INTAS and NIS countries” wurden mehrere Umfragen bei den wichtigsten Vertretern aus der Wirtschaft, Politik, Kultur und Religion durchgeführt. Im Falle Tatarstan handelte es sich dabei um Vertreter tatarischer Elite. Bei der Frage:

Stellen Sie sich vor, Sie müssen unter 5 Kandidaten einen neuen Mitarbeiter aussuchen, es handelt sich bei diesen Menschen um einen Amerikaner, Chinesen, Deutschen, Russen und einen Tataren. Sie haben alle ungefähr die gleichen Qualifikationen. Wen würden Sie wählen und warum?

gaben die Befragten an, dass Professionalität und Loyalität die ausschlaggebenden Faktoren seien bei der Auswahl von Mitarbeitern. Auf der anderen Seite aber wählten 50% der Befragten einen Tataren, weil er wie sie Angaben über kulturelle Affinität und Potential für das gegenseitige Verständnis mitbringt. Nicht desto trotz wählte rund 1/3 aller Befragten einen Russen als Mitarbeiter und auch Deutsche und Chinesen wurden von einigen Rezipienten gewählt. Diese Offenheit in ethnischen Optionen zeigt ganz deutlich von einem hohen Grad der Stabilität in interethnischen Beziehungen in Tatarstan.

Auch die vom Kazan Institute of Federalism durchgeführte repräsentative Umfrage unter den Bewohnern Tatarstans zeigt, dass die gegenseitige Akzeptanz und Bereitschaft in wirtschaftlichen Fragen zu kooperieren weit verbreitet ist. Nur in der Frage, ob man bereit sei, einen Vertreter der anderen Ethnie als unmittelbaren Vorgesetzten zu akzeptieren, gingen die Antworten weit auseinander. Nur rund 16,5% der Tataren waren bereit, einen Russen als unmittelbaren Vorgesetzten zu akzeptieren, während rund 61% der Russen bereit sind das zu tun. Eine Erklärung dafür könnte die seit langem von den politischen Eliten suggerierte Auffassung, dass die Tataren außerhalb der Grenzen von Republik Tatarstan niedrigere Aufstiegschancen als andere Ethnien haben und müssen deswegen diesen Mangel beheben, indem es in der Republik selbst mehr Tataren an leitenden Positionen arbeiten.

zu 2) Mehr als 70% der politischen Führung der Republik sind Tataren. Laut soziologischen Messwerten glaubt ein signifikanter Teil der Bevölkerung, dass eine Beförderung in vielerlei Hinsicht mit der Nationalität verbunden ist. Und unter den Russen und anderen Nationalitäten ist diese Meinung viel stärker vertreten. Dies häng wie ich bereits im Punkt 1 angeführt habe damit zusammen, dass die politische Führung der Republik der Meinung ist, Tataren erfahren außerhalb der republikanischen Grenzen wirtschaftliche Diskriminierung.

zu 3) Die Idee der Entwicklung von Tatarstan zu einer multiethnischen, multikonfessionellen und multikulturellen Gemeinschaft ist öffentlich verkündigter Vorrang in der Innenpolitik der Republik. Gemäß der Verfassung von RT ist die Parität der Benutzung der Tatarischen und Russischen Sprachen als Staatssprachen und ihre Bewahrung und Entwicklung staatlich garantiert. Langfristige Programme zur Entwicklung nationaler Kulturen, Künste und Nationalen Bildung sind ins Leben gerufen.

Die Notwendigkeit der Beherrschung beide Staatssprachen ist bereits tief im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. Insbesondere junge Leute erkennen diese Notwendigkeit, um sich bessere Chancen im Dienstleistungssektor und in den Behörden zu verschaffen. Insgesamt 70% der russischen Jugendlichen und 90% der tatarischen Jugend vertreten diese Meinung, so eine Umfrage des Kazan Institute of Federalism.

zu 4) Auch kann man in der Bevölkerung keines über überstiegenes, ultrapatriotische Meinungen (Hyperidentität) vorfinden, wie man aus der nächsten Grafik herauslesen kann, werden plädieren die Befragten für die Einschränkung in Einwanderung, noch sind sie der Meinung, dass alle Mittel gerecht sind, um eigene Ziele zu erreichen. Die Bereitschaft mit den Menschen anderer Nationalitäten zu agieren und der Einsatz für friedliche Lösungen stehen dagegen in der auf breiten Füßen.

Paul Becker für GUS- News

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