Kategorie(n) | Ukraine

Ukraine: Patriarch Bartholomeus sprach sich gegen die Teilung der ukrainischen Kirchen aus

Veröffentlicht am 01 August 2008 von Paul Becker


Konstantinopler Patriarch Bartholomeus appellierte bei seiner Visite in der ukrainischen Hauptstadt an die ukrainische Elite, alles daran zu setzen, um die Wiederherstellung der kirchlichen Einheit zu erreichen. Die seinen Worten nach andauernde Teilung der Kirchen “zerstört nicht nur die geistige, sondern auch die zivile Einheit des ukrainischen Volkes und trägt in sich problematische Auswirkungen für die Zukunft der Ukraine”.


Bildquelle: bbc.co.uk

Er gab keine offene Antwort auf die Bitte des ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko, die Bildung einer nationalen Kirche zu segnen, gegen die das Moskauer Patriarchat angeht. Juschtschenko bemerkte auch bei dem Treffen mit dem Bartholomeus, dass der Staatsich zwar in die Angelegenheiten der Kirche nicht einmischt, von ihm aber die Erhaltung ihrer Einheit abhängt, teilte die Nachrichtenagentur Ria Novosti mit.

In der Ukraine existieren momentan zwei Ukrainisch- orthodoxen Kirchen. Eine von ihnen ordnet sich dem Moskauer Patriarchat unter und die Kiewer orthodoxe Kirche unter der Leitung von Metropolit Philaret, der vom Oberhaupt der russisch-Orthodoxe Kirche Aleksij II mit Bannfluch für die spalterische Tätigkeit belegt ist.

Der Konstantinopler Patriarch besucht die Ukraine zum ersten Mal seit 350 Jahren im Anlass der Feierlichkeiten des 1020. Jubiläums der Taufe von Rus (???? oder ???????? ???? war der erste russische Staat mit der Hauptstadt in Kiew. Anm. von GUS- News) angekommen.

Hierarchien Kiewer Patriarchats äußerten in letzter Zeit mehrmals den Wunsch, sich unter die Führung des Konstantinopler Patriarchen zu begeben. Nach inoffiziellen Informationen sollten die entsprechenden Verhandlungen im Verlauf seines Kiewer Besuches von Statten gehen.

Die Kirchen werden offensichtlich von der Politik im langandauernden Streit Russlands mit der Ukraine miteinbezogen, anders kann ich mir die plötzlichen Sezessionsbestrebungen der ukrainischen orthodoxen Kirche nicht erklären. Auch das Treffen Juschtschenkos mit dem Konstantinopler Patriarchen bezeugt nochmal das politische Interesse an einer Trennung vom Moskauer Patriarchat.

Paul Becker für GUS- News

Diesen Artikel als herunterladen

Einfügen bei:
  • Digg
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • Live
  • MisterWong.DE
  • Print
  • Technorati
  • Webnews.de
  • Wikio
  • email
  • LinkedIn
  • PDF
  • RSS
  • Twitter
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg
Diesen Artikel ausdrucken Diesen Artikel ausdrucken

2 Kommentare für diesen Artikel

  1. Protodiakon Nikolai wiese Says:

    Sehr geehrter Herr Becker,
    um die sehr komplexe kirchliche Situation in der Ukraine zu verstehen, muss man in die Geschichte des Landes und seiner orthodoxen Kirche zurückblicken.
    Während nach dem durch die Mongoleneinfälle bewirkten Zerfall der Kyiver Rus das Moskauer Fürstentum erstarkte und sich die übrigen Fürstentümer im osten und Norden unterordnete, entwickelte sich sich im Westen u.a. das Königreich Halytsch (Galizien), deren Landesteile dann von den stärkeren Nachbarn Polen und Ungarn beherrscht wurden. Andere gebiete der heutigen Ukraine und Weissrusslands gehörten zum Grossfürstentum Litauen und gingen mit ihm in die Personalunion mit Polen. -Während im Grossfürstentum Moskau die Orthodoxe Kirche den Status eines Autokephalen Patriarchates erlangte uns sich zu einer völlig vom Zaren abhängigen Staatskirche entwickelte, bildete die Metropolie von Kyiv mit allen von ihr abhängigen Diözesen von Beginn an eine autonome Kirche des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel und musste sich stets der Unionsversuche der polnischen, ungarischen und habsburgischen katholischen Landesherren erwehren. -Beide Teile der Kyiver rus nahmen somit eine sehr unterschiedliche Entwicklung, auch sprachlich und kulturell. -Als dann Russland seit Peter dem Grossen begann sich nach westen auszudehnen und die ukrainischen länder zu annektieren, errreichte er auch gegen den willen von Volk, Klerus und Episkopat die kirchliche Eingliederung der Metropolie von Kyiv in die russische Staatskirche, die seither die Ukraine und weissrussland als ihr “Kanonisches Territorium” ansieht. -Die Legitimität dieser erzwungenen Unterordnung der ukrainischen Diözesen unter die Moskauer Kirche blieb stets fragwürdig und wurde von der Mutterkirche Konstantinopel nie anerkannt. -Dies wurde ausdrücklich 1924 im Tomos der Autokephalieerklärung der Polnischen orthodoxen Kirche, des westlichsten Teiles der alten Kyiver Rus` bekräftigt. -
    In dem 1918 kurzzeitig nach der Revolution gebildeten Ukrainischen Staat wurde sogleich wieder die Unabhängigkeit der Ukrainischen Kirche proklamiert. -Der damals erstmalig wiederauferstandenen Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen kirche war nur eine kurze Zeit beschieden, bis sie von den siegreichen Kommunisten wieder zerschlagen wurde. nur einer der bischöfe konnte in die USA gelangen, wo er die ukrainische Emigration organisierte. – Während des 2. weltkrieges wurde dann unter der deutschen Besatzung von dem Oberhaupt der Polnischen Orth. Kirche die Bischöfliche Hierarchie der Ukrainischen orth. Kirche wieder hergestellt. -Diesmal gelang es fast allen Bischöfen der Ukraine und Weissrusslands zusammen mit Abertausenden ihrer Kleriker und Gläubigen in die Länder der westlichen Welt auszuwandern und dort starke ukrainische Emigrationskirchen aufzubauen, die seit einigen Jahren fast alle dem Patriarchen von Konstantinopel unterstehen.
    Nach dem Zerfall der Sowjet-Union und der erneuten und nunmehr dritten Wiederauferstehung eines souveränen ukrainischen Staates kehrte 1990 aus den USA der greise Metropolit Mstyslav (Neffe des Hetmans Petlura) wieder in seine heimat zurück und wurde zum 1. Patriarchen von Kyiv und der Ganzen Rus`Ukraine gewählt und proklamiert. -Leider trennte sich unter seinen Nachfolgern die ukrainische Kirche in zwei voneinander unabhängige Jurisdiktionen, die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche und das Patriarchat Kyiv. Aussserdem entstand die seinerzeit zwangsweise in das Moskauer Patriarchat eingegliederte Ukrainische Griech.-Kath. Kirche wieder neu. -Die Teilung der Ukrainischen Kirche in somit vier grosse Teilkirchen ist damit vollzoge. Moskau mag sich im weitgehend russifizierten Osten und unter ethnischen Russen noch behaupten und dort auch den Grossteil der Kirchengebäude besitzen, aber die Mehrheit der Gläubigen in der Ukraine vertritt es nicht mehr. -Nachdem das Moskauer Patriarchat sich wieder zu einer vom Staat gelenkten Staatskirche Russlands entwickelt, lehnen die Ukrainer in ihrer Mehrheit offensichtlich eine Unterordnung unter die russische Kirche ab.
    Schon seit dem Untergang des römischen Reiches und weiter nach dem Zerfall des osmanischen Reiches wurde den in der Folgezeit aus der oströmischen reichskirche hervorgehenden Nationalstaaten, den Serben, Bulgaren, Rumänen, Griechen etc., die kirchliche Selbständigkeit zugestanden. In jedem Souveränem Staat bildete sich eine orthodoxe Landeskirche, die sich selbst verwaltete und ihre Oberhäupter und Bischöfe selbst wählte. -Kleinste Kirche wie z.B. die der Tschechoslowakei, Albaniens, Polens, Finnlands besiten die kirchliche Selbständigkeit. Die ungleich grössere Ukrainische Kirche jedoch möchte Moskau in Abhängigkeit halten aus Angst, an Bedeutung zu verlieren
    und aufgrund des Wunsche des russischen Staates, Einfluss in der Ukraine zu behalten. -Früher oder später wird die Mutterkirche von Konstantinopel die realitäten anerkennen und der Ukrainischen Orthodoxen Kirche die Autokephalie gewähren, auch wenn sie sich derzeitig noch nicht stark genug für die Konfrontation mit Russland fühlte.

    Protodiakon Nikolai, Köln
    Exarchat von Westeuropa
    der Ukrainischen Autokephalen Orth. Kirche

  2. Paul Becker Says:

    Sehr geehrter Protodiakon Nikolai,
    ich danke Ihnen erstmal für Ihren umfangreichen Kommentar und die Geschichtsstunde. Wenn wir schon Mal beei der Geschichte angelangt sind möchte ich auch einiges loswerden.
    Sie schreiben:
    Während nach dem durch die Mongoleneinfälle bewirkten Zerfall der Kyiver Rus das Moskauer Fürstentum erstarkte und sich die übrigen Fürstentümer im osten und Norden unterordnete, entwickelte sich sich im Westen u.a. das Königreich Halytsch (Galizien), deren Landesteile dann von den stärkeren Nachbarn Polen und Ungarn beherrscht wurden. Andere gebiete der heutigen Ukraine und Weissrusslands gehörten zum Grossfürstentum Litauen und gingen mit ihm in die Personalunion mit Polen. -Während im Grossfürstentum Moskau die Orthodoxe Kirche den Status eines Autokephalen Patriarchates erlangte uns sich zu einer völlig vom Zaren abhängigen Staatskirche entwickelte, bildete die Metropolie von Kyiv mit allen von ihr abhängigen Diözesen von Beginn an eine autonome Kirche des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel und musste sich stets der Unionsversuche der polnischen, ungarischen und habsburgischen katholischen Landesherren erwehren
    http://de.wikipedia.org/wiki/Halytsch-Wolhynien Das Königreich Halytsch (Galizien) spielte wenn überhaupt nur bis ins XVI. Jahrhundert eine Rolle (im Sinne der orthodoxen Kirche), nämlich bis seiner Union mit der Krone Polens 1569.
    Und die Entstehung eines Autokephalen Patriarchates in Moskau ging mit dem Niedergang Konstantinopels einher http://de.wikipedia.org/wiki/Drittes_Rom Drittes Rom, welches seit seiner Eroberung 1453 durch den Sultan Mehmed II. kaum eine entscheidende Rolle in den Belangen der orthodoxen Kirche mehr gespielt hat. Das Machtzentrum verlagerte sich von Konstantinopel (der jetzt Istambul hieß) nach Moskau. Und im Zuge der russischen Eroberungen der nächsten Jahrhunderte wurden die orthodoxen Christen aus den Fängen ihrer katholischen Herren befreit. Was die Beziehung zwischen der russische- orthodoxen Kirche und dem russischen Zaren angeht, so wurde diese doch http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/reisen/index,page=1071242.html den byzantinischen Verhältnissen abgeschaut und war zu dem damaligen Zeitpunkt nichts ungewöhnliches. (türkischer Sultan war gleichzeitig auch der geisliche Oberhaupt aller Muslime, die im osmanischen Reich lebten).
    Es mag sein, dass die Kiewer Diözese Konstantinopel direkt unterstand, doch war das nicht ein Zeichen der Schwäche, dass die Hauptstadt eines einst so stolzen Reiches nicht einmal ein eingenständiges Patriarchat besitzen durfte? Wenn Sie mich fragen, dann war die Gründung Moskauer Patriarchats eine Art Rettung für die orthodoxe Kirche, die ihren Bezugspunkt in Konstantinopel verloren hat und hat somit die Zesplitterung des orthodoxen Glauben in viele kleine und schwache Richtungen verhindert.
    Ob die Unterordnung der ukrainischen Diözesen unter die Moskauer Kirche erzwungen war können wir heute nicht mit Sicherheit sagen, es spielten viel zu viele Faktoren eine Rolle.

    Interessanterweise spielte immer nur der westliche Teil der Ukraine (so wie das heute noch der Fall ist) Sezessions- oder Unabhängigkeitsbewegungen (wie man es nennen will) eine Rolle, der Osten der Ukraine war schon immer Russlandtreu (ob das durch die längere gemeinsame Geschichte und geographische Nähe hervorgerufen ist?). Doch die geographische Nähe und die lange gemeinsame Geschichte Mit Polen störten die ukrainischen Nationalisten (spätere Nachfolger Hetmans Petluras) unter der Führung Petljuras nicht bei ihren Massakern an polnischer Bevölkerung 1942- 44, die 100 000 ethnischen Polen das Leben gekostet hat. (Nachzulesen hier http://www.ua-reporter.com/novosti/28601/ hier http://ukrstor.com/ukrstor/bezprava-kniga1-4.2.html und hier http://vlasti.net/news/17712
    Sie schreiben weiterhin:
    Moskau mag sich im weitgehend russifizierten Osten und unter ethnischen Russen noch behaupten und dort auch den Grossteil der Kirchengebäude besitzen, aber die Mehrheit der Gläubigen in der Ukraine vertritt es nicht mehr. -Nachdem das Moskauer Patriarchat sich wieder zu einer vom Staat gelenkten Staatskirche Russlands entwickelt, lehnen die Ukrainer in ihrer Mehrheit offensichtlich eine Unterordnung unter die russische Kirche ab.
    Geben jedoch keinerlei verlässliche Angaben, die diese Aussage in irgendeiner Form untermauern würden (representative Umfrage oder ähniches). Also muss ich an dieser Stelle davon ausgehen, dass es sich bei dieser Aussage um ihre subjektive Einschätzung der Situation geht. Denn der Osten der Ukraine, die Halbinsel Krim und die ethnischen Russen, die in den übrigen Teilen der Ukraine leben, bilden eine beachtliche Einwohnerzahl…
    Sie sagen auch:
    In jedem Souveränem Staat bildete sich eine orthodoxe Landeskirche, die sich selbst verwaltete und ihre Oberhäupter und Bischöfe selbst wählte. -Kleinste Kirche wie z.B. die der Tschechoslowakei, Albaniens, Polens, Finnlands besiten die kirchliche Selbständigkeit. Die ungleich grössere Ukrainische Kirche jedoch möchte Moskau in Abhängigkeit halten aus Angst, an Bedeutung zu verlieren
    nur genau das ist das politische Dilemma, was ich versucht habe aufzuzeigen. Die Teilung der Kirche würde die politische Teilung der Ukraine in Ost und West nur noch verstärken. Der Wunsch Juschtschenkos, die Bildung einer nationalen Kirche zu segnen ist nur der weitere Kapitel in dem Westen/ USA – Ukraine – Russland Machtspielchen.

1 Trackbacks Für Diesen Artikel

  1. Global Voices Online » Ukraine: Patriarch Appeals Against the Division of the Church sagte:

    [...] comments on (GER) the appeal of the Constantinople Patriarch Bartholomeus against the division of the Ukrainian [...]

Einen Kommentar hinterlassen

Advertise Here
Advertise Here

Umfragen

Welches der nachfolgenden Länder besitzt keine Goldreserven?

View Results

Loading ... Loading ...

This Blog in English


Kategorien

Partnerseiten


Global Voices

Statistik: