Analysen: Rente und Rentner in Russland seit 1991 4. Teil

Veröffentlicht am 26 August 2009 von Paul Becker


Geldausgaben von Rentnern

Im November 1998 gab es nach den RLMS- Daten folgende Verteilung der Geldausgaben aller befragten Familien (Arbeiter, Angestellten, Rentner):

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RLMS liefert leider keine Daten zur der Verteilung von Geldeinkommen der Rentnerfamilien, jedoch kann man davon ausgehen, dass die Ausgaben der Rentner bei den Nahrungsmitteln und Brennstoffen etwas kleiner als die aller Familien ausfielen, weil die Rentnerfamilien lediglich aus 1 oder 2 Personen bestehen und die Ansprüche der Rentner viel geringer sind als bei der Alterskohorte 25- 55. Die geringeren durchschnittlichen Mittel, die den Rentner zur Verfügung stehen, glichen dann die Zahlen aus, so dass prozentuell gesehen beide Gruppen ca. 65- 70% ihres Einkommens in Nahrungsmitteln und Heizmaterial investierten. Das wiederum ist ein eindeutiges Zeichen für eine arme Gesellschaft.

Der Anteil der Wohnungsmiete und der Kommunalabgaben dürfte bei den Rentnern geringer ausfallen, da sie zum einen meist über Eigentumswohnungen verfügten und zum anderen oft von den Kommunalabgaben befreit waren. Diese Situation änderte sich in diesem Jahr mit dem Ukas des Präsidenten, die Vergünstigungen der Rentner abzuschaffen und sie durch Geldleistungen zu ersetzen. Jedoch in der von mir untersuchten Zeitspanne lagen die Ausgaben der Rentnerfamilien für Wohnungsmiete und Kommunalabgaben deutlich unter dem Prozentsatz aller von RLMS untersuchten Familiengruppen.

Der Anteil der Geldausgaben an der Ersparnisbildung dürfte bei den Rentnern etwas höher als bei der übrigen Bevölkerung ausgefallen sein. Diese These lässt sich ganz einfach mit der Mentalität der russischen Rentner untermauern. Sie setzen keine Erwartungen in die Regierung und verlassen sich nur auf sich selbst und die bestehenden sozialen Netzwerke. Unter den russischen Rentner ist die Ersparnisbildung „Na cernij den´ „, also „Für die schlechteren Tage“, oder „Na pohorony“, „Für das eigene (anständige) Begräbnis“, weit verbreitet. Auch wenn vielleicht die absoluten Zahlen niedriger als bei der arbeitenden Bevölkerung ausfallen, ist der prozentuelle Anteil der Ersparnis an den Gesamtausgaben eindeutig höher als bei den anderen untersuchten Bevölkerungsgruppen.

Der Anteil an sonstigen Ausgaben unterscheidet sich nicht gravierend von dem der anderen Bevölkerungsgruppen. Jedoch die Zusammensetzung diesen weicht eindeutig, von dem der arbeitenden Bevölkerung, ab. Laut dem „Monitoring economic conditions in the Russian Federation“* vom März 1999, verfasst durch den T. Mrotz und B. Popkin hatten die Rentner in den letzen 30 Tagen folgende Ausgaben, die sicher zu den sonstigen gehören:

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Wie man an diesem Diagramm sieht ging der Löwenanteil an den sonstigen Ausgaben der Rentner, nämlich 67% an Befriedigung der medizinischen Bedürfnisse der Rentner. Die Kosten für die ärztliche Behandlung und Medikamente sind in Russland fast gänzlich selbst zu entrichten. Lediglich ein Paar kostenlose Sprechstunden in den Polikliniken sind als Überbleibsel aus den Sowjetzeiten übrig geblieben. Für stationäre Behandlungen muss man auf die Eine oder Andere Art dann selbst aufkommen. Eine funktionierende Krankenversicherung gab es nicht. Und so müssen die Rentner, die von der erwachsenen Bevölkerung, statistisch gesehen, am häufigsten krank sind, einen großen Teil ihres so wie so schon bescheidenen Einkommens für medizinische Versorgung ausgeben. Und wenn man bedenkt, dass sonstige Ausgaben 198,8 Rubel einer durchschnittlichen Rente ausmachten und der medizinische Anteil bei rund 133,2 Rubel / Monat. also rund 4,1€ lag, so lässt es sich auch daraus ganz leicht der klägliche Zustand der russischen Ärzte und Krankenschwester ableiten.

Für einen Theaer-, Konzertbesuch oder eine andere Freizeitgestaltung gaben die russischen Rentner Anfang 1999 nur ca. 2 Rubel/ Monat aus. Der Zugang zur höheren Unterhaltung blieb also den meisten Rentnern verschlossen, was für die ehemaligen kulturverwöhnten Sowjetbürger unerträglich sein muss. Die Karten für die Vorstellungen, oder ein Besuch im Restaurant oder Cafe blieb für die meisten ein Traum. Auch die Ausgaben für Kindergärten, kostenpflichtige Schulen (meistens handelt es sich dabei um Zeichen- und Musikschulen für die Enkelkinder) und Klubs (z.B. Chorvereine) verbuchten in der Rentenkasse 2 Rubel/ Monat. Wobei es sich bei den Kindergärtenausgaben und Ausgaben für die kostenpflichtige Schulen um einen freiwilligen Beitrag handelt. Da liegt die Hauptlast auf den Schultern der Eltern. Jedoch wird die geistige Verarmung der Gesellschaft bei dem Kulturteil ganz deutlich dargelegt.

Einen wesentlichen Anteil an den sonstigen Ausgaben hatte bei einem Teil der Rentner auch die Hilfe für Verwandte und Freunde, 33,6% der befragten Rentner hatten in den letzten 30 Tagen eine Person mit Geld oder Sachleistungen (Kleidung, Nahrung etc.) unterstützt. In 89,1% der Fälle handelte es sich dabei um Hilfe für Kinder und Enkelkinder. Aus diesen Daten wird es deutlich, dass innerhalb der Familien einen gegenseitige Hilfe existiert. Die Rentner leisten sogar häufiger Hilfe, als sie sie bekommen, denn die Zahl der Rentner, die eine Hilfe geleistet haben, ist nach den RLMS Daten 2,3 Mal so hoch wie die Zahl derjenigen, die Hilfe bekommen haben und in den Familiennetzwerken beträgt der entsprechende Index sogar 2,5. Unter den arbeitenden Rentnern ist die Zahl der Rentner, die Hilfe geleistet haben sogar 2,8 Mal höher, als die Zahl der Rentner, die Hilfe bekommen haben, der entsprechende Index in den Familien beträgt hier 3,7. Das lässt sich auch mit der Einstellung der Rentner erklären, die sich sagen: „Ich habe mein Leben gelebt und sie haben noch alles vor sich“.

Im nächsten Kapitel gehe ich auf die armen Rentnerehepaare Ende der 90er Jahre ein.

Paul Becker für

*Vgl. dazu http://www.cpc.unc.edu/projects/rlms/papers/Econ1998.pdf

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