Nach den Daten von RLMS lag der Anteil der Rentnerpaare 1998, deren Geldeinkommen sich unterhalb des Existenzminimums befand bei 10,5%. Das Geldeinkommen pro Kopf betrug dabei durchschnittlich bei 79,8% des Existenzminimums. Laut einer Umfrage von 324 Altersrentnern in Sankt Petersburg hatten 1994 12,3% von ihnen ein Durchschnittseinkommen, das der minimalen Rente äquivalent war oder sogar darunter lag (vgl. dazu N. Tchernina: Die russischen Rentner in den 90er Jahren S. 32ff.)
Das Geldeinkommen von 99% dieser Rentnerehepaare bestand ausschließlich aus Renteneinkommen. 6% nannten als zusätzliche Einkommensquelle den Verkauf oder Tausch eines Teils der eigenen Ernte. Ebenfalls 6% dieser Familien erhielten Lebensmittel von Dritten. Die Umfrage verdeutlicht eine außergewöhnlich große Bedeutung der Subsistenzwirtschaft in den 90er Jahren. 87.9% der armen Rentner teilten mit, dass sie ein Grundstück haben, 72,7% von ihnen hatten Vieh, Geflügel und Bienen, während die Mittelwerte aller befragten Rentnerehepaare bei entsprechend 74,3% und 34,9% lagen. Auch die Erzeugnisse der armen Rentnerehepaare wurden sowohl für den Eigenbedarf genutzt, als auch innerhalb der „großen Familie“ verteilt. 30% dieser Rentnerehepaare unterstützen sogar noch die Familien ihrer Kinder. Offensichtlich übergaben sie ihnen einen Teil der Ernte und tierischer Erzeugnisse. Durchschnittlich wurde die Hilfe von den Eltern auf 337 Rubel pro Familie geschätzt, was 60% des Geldeinkommens dieser Familien entsprach.
Insbesondere in den ländlichen Gebieten existiert noch eine interfamiliäre Kooperation. Die Renter in ländlichen Gegenden erhalten Samen, Geld für den Kauf von Nutztieren und Geflügel von ihren oft in der Stadt lebenden Verwandten (vor allem sind es Kinder und Enkelkinder) und züchten dann Tiere und Pflanzen, besonders Kartoffeln und Kohl (in südlichen Gegenden werden sie oft von Melonen und Wassermelonen ersetzt, die dann verkauft werden). Die Kinder kommen dann zwei bis drei Mal im Jahr vorbei, um beim Pflanzen und Ernten zu helfen. Die Rentner leisten den Rest der Zeit die körperliche Arbeit allein und haben häufig keine Zeit für Erholung oder medizinische Betreuung.
Die Ausgabenstruktur der armen Rentnerhaushalte ist dadurch gekennzeichnet, dass nur jede zweite Rentnerfamilie im Befragungszeitraum Medikamente bezahlt hat. Die Höhe der dafür aufgewandten Mittel betrug durchschnittlich 106,7 Rubel pro Familie, was einem Fünftel des gesamten Geldeinkommens entsprach. Es ist allerdings bekannt, dass vor allem Menschen in den ländlichen Gegenden Medikamente nicht in der Apotheke kaufen, sondern traditionelle Heilverfahren mit Arzneikräutern anwenden, die sie im Wald und auf den Feldern sammeln. Die meisten Rentner müssen auf moderne Medikamente und medizinische Hilfe aber auch verzichten, weil kostenpflichtige medizinische Leistungen die freie Gesundheitsfürsorge verdrängen und für sie unerschwinglich sind. (Die Krankenversicherung war in der Russischen Föderation der 90er Jahre unbekannt. 18,2% der befragten armen Rentnerpaare hatten sich schon Mal Geld für medizinische Versorgung leihen müssen. Der Mittelwert betrug hier 1.084 Rubel und war damit mehr als doppelt so hoch wie das monatliche Durchschnitteinkommen. Die Daten von RLMS verdeutlichen, dass 2/3 der Schuldenfälle aufgrund von Ausgaben für Arzneimittel oder dringenden Operation entstanden sind.
Alleinstehende Rentner
Aus den RLMS- Daten wurden schließlich jene Haushalte ausgewählt, die aus einem Altersrentner bestehen (395 Haushalte). Der Anteil der Frauen an diesen Haushalten betrug 87,3%. Die bestehende Geschlechtsdiskrepanz fand sich also auch bei den befragten alleinstehenden Rentnern wieder. In der Altersstufe von 55 bis 69 Jahren betrug das Verhältnis zwischen Männern und Frauen 1:6,6, In der Altersstufe von 70 bis 79 Jahren 1:6,5 und in der Altersstufe von 80 Jahren und älter sogar 1:7,9.
Tabelle: Die Struktur des Einkommens pro Monat (388 alleinstehende Rentner)

Quelle: RLMS, 8. Erhebung, Oktober 1998- Januar 1999
Betrachtet man die Einkommenssituation der alleinstehenden Rentner, so ist es sofort deutlich zu sehen, dass auch bei dieser Gruppe die Rente das fast ausschließlich alleinige Geldquelle darstellt. Das Durchschnittseinkommen pro Monat lag mit 504,2 Rubel 10,7% niedriger als bei den entsprechenden Rentnerpaaren (564,8 Rubel pro Kopf ). Die Rente (416 Rubel) war dabei durchschnittlich 5,1% geringer als die Rente der Rentnerpaare (438,4 Rubel pro Kopf). Das hängt damit zusammen, dass die Rente bei Frauen wesentlich niedriger ausfällt als bei Männern und die Frauen in dieser Gruppe deutlich überrepräsentiert sind.
Geldeinkommen durch Vermietung und Verpachtung von Eigentum ist in dieser Gruppe ebenfalls seltener. 22,7% der alleinstehenden Rentner hatten eine zusätliche Einnahmequelle durch die Vermietung von Zimmern in ihren Wohnungen (Mittelwert 93 Rubel). Der Anteil der arbeitenden Rentner war mit 9% geringer als bei den Rentnerehepaaren (14,9%). Der hohe Frauenanteil unter den alleinstehenden Rentern verdeutlicht die Problematik, denn Frauen hatten in Russland es schwerer, im Rentenalter eine Arbeit zu finden. Mit zunehmendem Alter sinken die Jobchancen noch weiter. Und der Anteil der über 70jährigen in dieser Kategorie war mit 24,6% sehr hoch. (Laut einer Befragung von 450 Rentnern durch das Ministerium für Arbeit und soziale Entwicklung der Russischen Föderation arbeitete 1999 ein Viertel der Menschen in der Altersstufe zwischen 55 bis 60 Jahren regelmäßig. Ab 60 reduziert sich der Anteil der arbeitenden Menschen dann allerdings erheblich. Der entsprechende Anteil beträgt in der Altersstufe von 61 bis 70 Jahren 10,9% und bei den über 70jährigen nur noch 5,9%. (Vgl. Uskova N.: Portret pozhilogo tscheloveka, S. 29- 31)
Ein großer Unterschied bestand laut den Daten des RLMS zwischen dem Durchschnittseinkommen der Frauen und dem der Männer (484,8 Rubel zu 638,8 Rubel). Die durchschnittliche Frauenrente war dabei um 98 Rubel und damit um fast einen Fünftel geringer als die Rente allenstehender männlicher Rentner. Die Rentnerinnen waren daher noch stärker auf die Subsistenzwirtschaft angewiesen, um den Mangel an Geldeinkommen zu kompensieren. Und tatsächlich lag der Anteil der Rentnerinnen die ein Grundstück besitzen bei 53%, bei den Männern im gleichen Alter lag dieser Anteil bei nur 40%. 16,9% der alleinstehenden Rentnerinnen hatten Vieh und Geflügel, während es bei den alleinstehenden männlichen Rentnern nur 8% waren.
Fast ein Viertel der alleinstehenden Rentner hatte Lebensmittel von Dritten erhalten (für durchschnittlich 163,5 Rubel pro Monat). Wenn die Rentner als Unterstützung Geld erhielten, so kamen die Mittel zu 85,7% von Verwandten und Freunden.
Nur 0,3% der befragten alleinstehenden Rentner erhielten eine nterstützung von der Kirche. Ebenso viele Menschen erhielten Sozialleistungen der ehemaligen Betriebe, Veteranenbetreuung durch die Gewerkschaften oder auch Hilfe von internationalen Institutionen. 3,1% der alleinstehenden Rentner erhielten Lebensmittel von Privatpersonen oder verschiedenen Institutionen.
Auch die alleinstehenden Rentner waren aber nicht nur Empfänger von Leistungen. Ein Fünftel der befragten Rentner gab an Andere zu unterstützen. Bei 16,8% der Befragten handelte es sich dabei um eigene Kinder und Enkelkinder. 20% der Respondenten in der Altersstufe 61 bis 80 gaben an, sie unterstützen ihre Kinder bei der Erziehung von Enkelkindern. Auch ein Drittel der Rentner im Alter von 80 Jahren und älter unterstützten noch Ihre Kinder bei der Erziehung (Vgl. Uskova N.: Portret pozhilogo tscheloveka, S. 29- 31) In Geld bewertet, belief diese Hilfe auf durchschnittlich 153,6 Rubel im Monat. Ganz unverkennbar ist dabei, dass Rentnerinnen der Familie ihrer Kinder mehr halfen, als es Rentner taten. So halfen alleinstehende Rentnerinnen 1,6 Mal häufiger die Enkelkinder großzuziehen, als es Rentner taten. Auch bei den alleinstehenden Rentnern gab es eine Wechselbeziehung zwischen der Hilfe von Rentnern und ihren Nebenverdiensten. Der Anteil hilfeleistender, arbeitender (alleinstehender) Rentner war höher als der entsprechende Anteil aller (alleinstehender) Rentner (34,3% bzw. 16,8%). Die arbeitenden Rentner hatten mehr Möglichkeiten, finanzielle Hilfe zu leisten, die nicht arbeitenden Rentner leisteten dafür mehr Hilfe in Form von Sach- und Dienstleistungen.
Auch bei alleinstehenden Rentnern hat nach den Daten von RLMS „in den letzten 30 Tagen“ nur etwa jeder zweite Rentner (48,7% der Befragten) Medikamente bezahlt, 2,8% der Befragten hatten Ausgaben für eine ärztliche Betreuung, die ca. 12,6% des Durchschnittseinkommens betrugen. Wenn man bedenkt, dass die Hälfte der alleinstehenden Rentner über 70 sind oft chronisch krank ist, dann fragt man sich nicht mehr warum die durchschnittliche Lebenserwartung in Russland so gesunken ist.








