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Analysen: Russisch- israelische Beziehungen 2

Veröffentlicht am 18 Januar 2010 von Paul Becker

Am Vortag der Oktoberrevolution

Leo Trotzki. Quelle: carabaas.livejournal.com

Bürgerlich- demokratische Parteien Russlands wie die Kadetten- Partei, die Progressivisten und auch andere  Parteien versuchten konsequent für die jüdische Bevölkerung des Reiches, wie auch für die anderen Fremdvölker und Andersgläubigen die Gleichberechtigung einzuführen. Das war auch eine ihrer ersten Handlungen, als sie am 20 März 1917 als sie an die Macht kamen. Provisorische Regierung schaffte per Dekret die religiösen und nationalen Beschränkungen wie den Siedlungsrayon ab. Aber auch abgesehen von diesem Dekret entsprach das bürgerlich- demokratische Programm voll und ganz den Interessen der jüdischen Bevölkerung Russlands, unter denen es  nur wenige Proletarier und gar keine Bauern gab. So wäre es eigentlich logisch zu erwarten, dass die jüdischen Sympathien nicht den Parteien gelten würden, die für sie so wenig aktuelle Themen wie „Diktatur des Proletariats“ und der „Lösung der Landfrage“ propagierten.

Doch was passierte in Wirklichkeit? Liberale Parteien hatten ohne Zweifel einige Anhänger in der jüdischen Inteligenzija. Viele russische Juden spielten auch nicht die letzte Geige in der bürgerlich- demokratischen Presse. Jüdische Abgeordnete in der Duma traten mehrheitlich der Kadetten- Fraktion bei. Doch die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung fand sich damals  auf dem linken politischen Spektrum wieder, egal ob bei den rechten oder linken Esseren, bei den Menschewiki, Bolschewiki oder sogar bei den Anarchisten.

Warum befanden sich denn so viele politisch aktive Juden in Russland auf radikaleren Positionen, als es die nationalen Interessen russischen Judentums erforderten?

Vielleicht, weil die Bolschewiken jüdischer Herkunft von den unteren gesellschaftlichen Kreisen abstammten und deswegen eher die Klassen- als nationale Interessen verfolgten? Doch das stimmt nicht. Lew Bronstein (Leo Trotzki) zum Beispiel war der Sohn eines reichen Landbesitzers, Lew Rosenfeld (Lew Kamenew) – eines Ingenieurs, Owsej- Gerschen Aronowitsch Radomyslski- Apfelbaum (Grigorij Sinowjew) – eines Milchfarmbesitzers, Moissei Urizki – eines Geschäftsmannes, Anatoli Lunatscharski- Sohn eines hohen Beamten in Poltawa. Das gleiche Bild sah man auch in den anderen linken Parteien. Menschiwik Martow wuchs in der Familie eines wohlhabenden Mitarbeiters der russischen Gesellschaft für Schifffahrt und Handel auf, Stolypins Mörder Bogrow war ein Sohn des reichsten Kiewer Hauseigentümers.1 Die Wahl der radikalen linken Parteien als Betätigungsfeld in der Politik kann also durch den Hass gegenüber den höheren Klassen nicht erklärt werden.

Es liegt natürlich auf der Hand, dass jeder jüdischer Revolutionär seinen eigenen Weg in die Revolution gefunden hat. Nichtdestotrotz vermute ich, dass sie gemeinsame Gefühle und Hoffnungen gehegt hatten, die sie letztendlich in die Reihen der revolutionären Parteien geführt hatten. An dieser Stelle möchte ich David Shub zitieren, einen Journalisten und Buchautor2, der 1904 das Russische Reich verließ, um in die Vereinigten Staaten zu emigrieren:3

trotki zitat

Trotzki, wie auch andere führende Bolschewiki jüdischer Abstammung, fühlten sich zu keinem Zeitpunkt mit den jüdischen Massen verbunden und waren niemals Mitglieder irgendeiner jüdischen Organisation. Sie waren eifrige Gegner einer jüdischen nationalen und kulturellen Bewegung und jeder von ihnen unterstrich ständig, er sei kein Jude, sondern „Internationalist“. Auch Jaroslawskij, Litwinow, Radek, Ganezki, Rjazanow, Steklow, Jagoda und einige andere führende Bolschewiken der ersten Jahre nach der Oktoberrevolution, sahen sich entweder als Russen, oder als „Internationalisten“ an und hatten mit dem jüdischen Volk nichts gemeinsam außer ihrer Herkunft”.

Am Vortag der Oktoberrevolution in Russland gab es also zwei entgegengesetzte Entwicklungsstrategien, die die Geschicke des jüdischen Volkes bestimmen sollten. Der von Pinsker und Herzl entwickelte zionistischer Weg und die sozialistischen Ideen der egalitären klassen- und konfessionslosen Gesellschaft. Demnach war eine Assimilation der Juden nur in einer völlig neuen Gesellschaft möglich. Wenn also die alte Welt die Juden nicht als Gleichgestellte sehen will, dann „werfen wir ihr Staub von unseren Stiefeln ab und zerstören sie bis aufs Fundament“. Und dann- „My nash, my novyj mir postoim. Kto byl nichem, tot stanet vsem.“4

Um diesen Traum einer Klassen- und Konfessionslosen Gesellschaft zu verwirklichen bedurfte es natürlich mehr als nur Partizipation in den Wahlen und anderen bürgerlich- demokratischen Freiheiten, die Kadettenpartei den Juden bereits nach der Februarrevolution 1917 gewährte.5 Es bedurfte einer totalen Umstrukturierung der gesamten Gesellschaft- je radikaler, umso besser. Je radikaler also ein Parteiprogramm war, umso anziehender war es in den Augen einiger russischer Juden, die bewusst oder unbewusst ihre Herkunft als bedrückend empfanden. Nur die Realisierung des Parteiprogrammes der Bolschewiken war laut Trotzki, es ihm erlauben „Nicht Jude, sondern ein Internationalist zu werden“, oder einfacher ausgedrückt, ihm zu vergessen helfen und auch die Anderen zwingen zu vergessen, wer Lew Bronstein war.6

Es ist gut möglich, dass viele von den russischen Juden, die sich letztendlich in den Reihen der Bolschewiken gefunden haben, die gleichen Gefühle oder Gedanken gehabt hatten. Denn nur die komplette Zerstörung der alten Gesellschaftsordnung gab ihnen wenigstens eine Hoffnung.

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Korruption in Russland bei rund 300 Milliarden US- Dollar

Veröffentlicht am 05 Januar 2010 von Paul Becker

Schätzungen der Transparency International zufolge belief sich der russische Korruptionsmarkt in 2009 auf rund 300 Milliarden US- Dollar. Dem Corruption Perceptions Index (Korruptionswahrnehmungsindex) nach belegt Russische Föderation, was die Korruption betrifft, weltweit den 146 Platz, gleich neben Kenia und Sierra- Leone.

Der Korruptionswahrnehmungsindex wird durch Befragungen von Experten und Vertreter von Geschäftskreisen in mittlerweile 180 Ländern ermittelt, dabei reicht die Skala von 1 (völlig korrupt) bis 10 (komplett integer).

Der russische CPI bewegt sich trotz eines “permanenten Kampfes” der Regierung mit der Korruption seit 2001 in den unteren Rängen der Tabelle und macht das Land somit weniger attraktiv für ausländische Direktinvestitionen. Durchschnittliche Schmiergeldhöhe in der Russischen Föderation wuchs trotz, oder vielleicht gerade wegen der Krise, laut dem Bericht der TI von 8 000 Rubel in 2008 auf 27 000 Rubel in 2009.

Die am wenigsten korrupten Länder der Welt waren nach den Angaben der TI Neuseeland mit 9,4 Punkten, Dänemark (9,3) und Singapur (9,2). Die Bundesrepublik belegte mit 8,0 Punkten den 14. Platz, knapp nach Luxemburg und noch vor Irland.

Das beste Resultat unter den Ländern der ehemaligen Sowjetunion erzielte Estland mit 6,6 Punkten (der 27. Platz in der Tabelle), das schlechteste Ergebnis ging auf das Konto von Usbekistan mit 1,7 Punkten (der 174. Platz)

Paul Becker für

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Russland: Demographie, Sterblichkeit und Alkoholkonsum

Veröffentlicht am 03 November 2009 von Paul Becker

In den letzten 20 Jahren erfuhr die Russische Föderation bis Dato in Friedenszeiten noch nie dagewesenen Rückgang der Bevölkerung. Von 1987 bis 1994 stieg die Sterblichkeit von 1,5 Mio. auf 2,3 Mio. jährlich an. Seit 1992 überstieg die jährliche Mortalität bei weitem die Anzahl an Neugeborenen, was zu einem natürlichen Rückgang der Bevölkerung führte. Erst dieses Jahr konnte dieser Trend umgekehrt werden und die Anzahl der Neugeborenen überstieg leicht die Anzahl der Todesfälle.

Quelle: Goskomstat

Quelle: Goskomstat

Dieser Anstieg der Fertilität ist auf die Familienfreundliche Politik zurückzuführen, die russische Regierung seit 2006 betreibt. Mutter- und Kindergeld, sowie günstige staatlichen Kredite für Familien mit Kindern sorgten dafür, dass viele junge Menschen sich für Kind(er) entschieden haben. Wie lange diese Politik angesichts gesunkener Preise auf den internationalen Märkten für Energieträger (zur Erinnerung: Rund 60% aller Ausfuhren der RF entfallen auf Energieträger und Waren der ersten Verarbeitungsstufe) und schmelzendem Stabilitätsfond (Die Summe aller Devisenreserven betrug im Juli 2009 noch umgerechnet rund 398 Mrd. US- $, was im Vergleich zum August 2008 ein Minus von 200 Mrd. US- $ darstellt) für das Land noch zu halten ist, kann an dieser Stelle mangels ausreichender Informationen nicht beantwortet werden. Fakt jedenfalls ist, dass die Sterblichkeit nicht gesunken ist.

Der Anstieg der Mortalität konzentriert sich vor Allem in der Gruppe der Männer im erwerbsfähigen Alter – die Sterblichkeit in dieser Gruppe hat sich verglichen mit 1960 fast verdoppelt. Was könnten die Gründe für solch eine unerfreuliche Entwicklung sein?

Oft werden das Rauchen, die Fettleibigkeit oder Dystrophie, sowie die Verschlechterung des Gesundheitssystems als Gründe für den Anstieg der Mortalität angeführt. 60% russischer Männer sind Raucher, Frauen rauchen dagegen in nur 30% der Fälle. Zum Vergleich rauchen in der Bundesrepublik rund 34% der Menschen, in Frankreich 38% und im Vereinigten Königreich sind es 35%, wobei die Anteile rauchender Frauen in Europa höher sind als in der Russischen Föderation. Der Tabakkonsum in der Russischen Föderation stieg aber seit dem Beginn der Transformation kaum an und kann deswegen nicht als Grund für die angestiegene Sterblichkeit angeführt werden. Auch die Fälle von Adipositas und Dystrophie blieben weitestgehend auf dem Niveau der Sowjetunion. Auch die Verschlechterung des Gesundheitssystems in der Russischen Föderation seit 1991 kann nicht als Ursache für die angestiegene Mortalität gelten, weil die Kindersterblichkeit, die ein Indikator für das Funktionieren des Gesundheitssystems gilt, konnte in der Russischen Föderation gesenkt werden. Zwar hat medizinische Versorgung der Bevölkerung herbe Rückschläge einstecken müssen, jedoch blieb die kostenfreie Grundversorgung der Bevölkerung erhalten. Auch das Medikamentenkonsum sank nicht über die Zeit.

Was sind dann die Ursachen für diesen Anstieg?

Ohne jeden Zweifel ist Alkoholismus seit dem Beginn des Transformationsprozesses die Ursache Nummer 1 für die angestiegene Sterblichkeit in der Russischen Föderation. 52% aller Todesfälle sind auf den Alkoholkonsum zurückzuführen. Dazu zählen neben “klassischen” Ursachen wie Leberzirrhose und Alkoholvergiftungen durch schlechten Alkohol, oder übermäßigen Alkoholkonsum, auch Totschläge, Morde und oft sogar Selbstmorde, die in den 90ern in der Russischen Föderation 6Mal höher waren als in den USA. Der oberste Sanitätsarzt Russischer Föderation Gennadij Onischenko geht von einer Dunkelziffer an Alkoholikern, die an die 5 Millionen reicht.

Kardiovaskuläre Krankheiten, oft bedingt durch den Transformationsstress, bilden die zweite wichtige Ursache für die Angestiegene Sterblichkeit in der Russischen Föderation.

Während der Zeit der Anti-Alkohol-Kampagne 1984-1987, gab es einen starken Rückgang der Sterblichkeit und Steigerung der Lebenserwartung bei den russischen Männern. Während der Kampagne drosselte der Staat die Herstellung von Alkohol, ergriff die Maßnahmen, um die Herstellung und den Vertrieb von Selbstgebrannten zu unterbinden. Der Staat erhöhte Alkoholpreise und schuf Voraussetzungen für einen zwanghaften Alkoholentzug. Weil diese Maßnahmen in der Bevölkerung sehr unpopulär waren, wurden sie nach ein paar Jahren abgeschafft, was zu einer sofortigen Steigerung des Alkoholismus unter den Männern, sowie der Sterblichkeitsrate geführt hat.

In den 1990er Jahren kam es zu einen dramatischen Anstieg in der Verfügbarkeit von alkoholischen Getränken durch eine Verringerung der formellen Kontrolle über ihre Herstellung, ihren Verkauf und Konsum. Jährlicher Alkoholkonsum in der Russischen Föderation beläuft sich seit dem auf ca. 10- 16 Litern pro Kopf und Jahr. Diese Zahl erscheint auf den ersten Blick vielleicht noch nicht so hoch, wenn man bedenkt, dass diese Zahlen in Frankreich und Spanien bei rund 20- 25 Litern liegen. Auf den zweiten Blick erkennt man dann das Problem, nämlich die Art des Alkohols und die Trinkgewohnheiten in den unterschiedlichen Ländern. Während Franzosen und Spanier überwiegend Wein in kleinen täglichen Dosen zu sich nehmen, trinken die Russen “harte Sachen” wie zum Beispiel Wodka, die zwar nicht unbedingt täglich getrunken werden, führen aber zu schweren Intoxikationen und zum aggressiven Verhalten.

Erfreuliche Nachricht bilden an dieser Stelle die Resultate einer repräsentativen Umfrage des Fonds für Meinungsforschung (FOM) über die Veränderung von Trinkgewohnheiten in der russischen Bevölkerung. Insbesondere die jungen Kohorten zeigen Affinität zu Bier und Wein und gleichen mehr und mehr ihren Gleichaltrigen in Europa.

Weniger erfreuliche Nachricht ist der seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise um 5% gestiegene Wodkakonsum in der Bevölkerung. Verglichen mit anderen Lebensmitteln stiegen die Preise für Alkohol nicht so stark an und machten ihn als “Entspannungsmittel in Krisenzeiten” bezahlbar.

Die russische Regierung unterdessen ist der Gefahr des Alkoholmissbrauchs bewusst. Das Ziel der Regierung sei es den Alkoholkonsum auf 8 Liter pro Kopf und Jahr zu senken. Der erste Schritt auf diesem Weg wäre meiner Meinung nach die Wiederherstellung des Staatsmonopols auf Spirituosenherstellung und der Ausbau von Staatskontrollen, die gegen die illegalen Spirituosenhersteller gerichtet sind. Dies könnte aber an allgegenwärtigen Korruption scheitern, die nun seit 9 Jahren auf der Prioritätenliste der russischen Regierung steht.

Jedenfalls würden der Staatsmonopol auf Spirituosenherstellung und eine staatsgelenkte Preiserhöhung für diese, nicht nur zur Füllung der in der Krisenzeit gebeutelten Kassen, sondern auch zum automatischen Absinken des Konsums führen.

Paul Becker für

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Analysen: Russisch- israelische Beziehungen 1

Veröffentlicht am 25 Oktober 2009 von Paul Becker

„Die Sowjetunion ist der beste Freund der Araber“ – diese Phrase wurde in den 70ern in der ägyptischen Zeitung Al Ahram publiziert. UdSSR, die zusammen mit den USA als erste den Staat Israel anerkannt hatte wurde schon bald zu einem Verbündeten und Vertreter arabischer Interessen. Ägypten Nasser´ s, Syrien, Irak, Algerien, Süd- Jemen und marxistischen Gruppierungen der PLO sind die bekanntesten Beispiele für sowjetisch- arabische Zusammenarbeit.

Waffen und sowjetische Militärberater waren in der arabischen Welt höchst willkommen. Aber auch sowjetische Zuwendungen sicherten vielen arabischen Staaten ihre jährliche politische Rente.

Ansiedlungsrayon der Juden im Russischen Imperium

Doch kann die Geschichte in schwarz- weiß Farben gemalt werden? War Russland und die Sowjetunion wirklich ausschließlich „Freund der Araber“, oder kann man von vielseitigen sich im Laufe der Zeit wechselhaften Beziehungen sprechen? Konnte der Staat Israel denn in seiner heutigen Form überhaupt entstehen, wenn es den Emigrationsstrom jüdischer Bürger aus Russland nicht gebe? Und könnte es die ersten Tage seines Lebens überleben ohne die Hilfe der Sowjetunion? Und wie wirkte und wirkt sich die „russische Diaspora“ auf die Russisch- Israelische Beziehungen aus?

Diesen Fragen möchte ich in dieser Analysenreihe nachgehen. Ich werde die Innenpolitik Russlands/ Sowjetunion gegenüber der jüdischen Minderheit im Land untersuchen, gehe auf die Emigration russischer Juden und Migrationpolitik Russlands/ Sowjetunion ein und stelle diese Untersuchungen im Kontext der Russisch- Israelischen Beziehungen dar.

Russland blieb in seiner Geschichte lange Zeit von der jüdischen Frage unberührt. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein lebten im Zarenreich praktisch keine Juden. Der Grund dafür war die staatliche Politik der russischen Zaren, die ihren Ursprung in dem Briefwechsel Iwan des Schrecklichen (1530-1584) mit dem polnischen König Sigismund II. August (1548-1572) hat.1 Dieser wusste um die wirtschaftliche Bedeutung der Juden und wandte sich an den Zar mit der Bitte, die Zulassung einiger jüdischer Kaufleute in Moskau zu gestatten. Die Antwort des Zaren ließ keinen Zweifel an seiner Abneigung gegen den Vorschlag des Königs:

„Wir haben dir gegenüber von den gefährlichen Tätigkeiten der Juden gesprochen, die unsere Untertanen von Christus abwendig machten, in unseren Staat vergiftete Drogen einführten und unseren Untertanen viel Unheil verursachten. Auch in den anderen Staaten haben sie viel Unheil angerichtet; deshalb wurden sie auch ausgetrieben oder hingerichtet.“2

Der Antisemitismus gewann unter Zar Iwan IV. eine neue Qualität: Judenfeindschaft wurde erstmals staatlich gefördert, was unter anderem zu einem Verbot von ,,jüdischem Handel” führte. Eine weitere Dimension gewann die Judenfeindschaft mit der, unter Iwan III. vollzogenen, ,,Schicksalsgemeinschaft” zwischen Zar und Kirche. „Die enge Verbindung zwischen zaristischer Selbstherrschaft, der Autokratie, und der russisch-orthodoxen Kirche wirkte sich äußerst negativ auf Juden aus.”3

Die Juden „zogen nach Russland um“ ohne ihre Wohnplätze auch nur im Entferntesten verlassen zu haben. In 1772 im Zuge der ersten Teilung Polens fanden sich im Russischen Imperium plötzlich rund 60000 Juden wieder. „Россия собирает своих евреев“ (Russland sammelt seine Juden) beschrieb John Klier in seinem gleichnamigen Buch diese Entwicklung. Nach der Zweiten (1793) und Dritten Teilung Polens (1795) wurde das Russische Reich plötzlich zu einem Land mit der größten jüdischen Bevölkerung weltweit und das obwohl vor dieser Entwicklung die Juden in Russland wie bereits erwähnt unerwünscht waren. Im Jahr 1800 machte die jüdische Bevölkerung Russlands 22,8% der gesamten jüdischen Bevölkerung weltweit aus. Nach der Eingliederung des Herzogtums Warschau 1815 lebten bereits 46,9% aller Juden weltweit auf dem Territorium des Russischen Zarenreichs. 1880 lag diese Zahl sogar bei 53,4%.4

Im aufgeklärt- absolutistischen Zarenreich unter Katharina II. diskriminierte man die neue Minderheit zunächst nicht, sondern versuchte eine Integration zu erreichen. Doch schon bald änderte sich diese Politik von Grund auf. Aufgrund zahlreicher Beschwerden von Moskauer Kaufleuten, die sich durch die jüdische Konkurrenz in ihrer Existenz bedroht sahen, wurde im Jahre 1791 der Ansiedlungsrayon gegründet, der den jüdischen Lebensraum auf die neu annektierten Gebiete begrenzte (Polen, ,,Neurussland” und die Region nördlich des Schwarzen Meeres). Im Jahr 1835 erließ Zar Nikolaus I. eine neue Judengesetzgebung, in der die Juden zum Fremdvolk erklärt wurden und ihre Freizügigkeit innerhalb Russlands stark eingeschränkt wurde. Der sogenannte Ansiedlungsrayon beschränkte sich auf Polen, Weißrussland, Litauen, die Ukraine und die Krim.

Eine temporäre Erleichterung erfuhren die Juden im ,,Reformzeitalter” unter Alexander II. (1855-1881). Nach seinem Regierungsantritt schaffte dieser die militärischen Rekrutierungen ab. Außerdem erfuhr die Siedlungspolitik eine Lockerung, indem der Zar den ,,besseren Kreisen” – also hohen Kaufleuten, Zunfthandwerkern, Inhabern akademischer Titel oder ehemaligen Studenten – die Niederlassung im Innern Russlands gestattete

Zu einer Eskalation kam es 1881 mit der Ermordung Zar Alexanders II. Kurz nach dem Tod des liberalen Herrschers brachen in der Ukraine die sogenannten “Stürme im Süden” aus, eine vom traditionellen Judenhass geprägte Pogromwelle, die neben Kiew und Odessa noch über 100 weitere Gemeinden überzog.5

Deswegen nennt Oleg Budnickij die Prozesse ab 1881 vorsichtig als „Россия теряет своих евреев“ (Russland verliert seine Juden).6 Eine bedeutende jüdische Emigration gab es bereits in den 1870er Jahren. In der „черта оседлости“ (Niederlassungsgrenze) eingepfercht versuchten die russischen Juden dieser „in die Freiheit“ zu entfliehen. Es gelang einigen von ihnen nach Osten in die inneren Gouvernements zu entfliehen, die Anderen wählten als Emigrationsziel den Westen, wo es zu diesem Zeitpunkt keine mittelalterlichen Begrenzungen für Juden mehr gab. Auch die Hungersjahre in Litauen 1869- 70 bewirkten einen massenhaften Anstieg jüdischer Emigration insbesondere in Richtung Westen. Doch die massenhafte Emigration russischer Juden in dem 19. Jahrhundert wurde zweifelsohne durch die massenhafte Pogrome 1881- 82 die als Reaktion auf die Ermordung Alexander II. durch den Mitglied der Untergrundorganisation Народная Воля (Volkswille) Nikolai Ryssakow hervorgerufen. Die Organisation Volkswille war eine konspirative Vereinigung mit demokratischen Zielen, deren Mitglieder sich aus progressiven Jugendlichen russischer, jüdischer und polnischer Herkunft waren.7 Das schnelle Ausbreiten der Pogromwelle ließ auf eine planmäßige Organisation der Pogrome schließen. Auch auf ein Einschreiten der Behörden wartete man vergeblich. Deswegen schlussfolgert Ben- Sasson, dass diese Pogrome auf Geheiß der Regierung angeordnet wurden.

Die Antwort auf die Krise der 1881- 82 war die Massenemigration der Juden aus Russland. Während als Folge der Hungerkrise in Litauen 1869- 70 nur einige Tausend Juden das Land verließen, kehrten es in der Periode von 1881- 1914 1 Million 980 Tausend Juden dem Land ihren Rücken zu. Wichtiger ist aber, dass die jüdischen Pogrome (in 1881- 82 waren es rund 250 jährlich) rückten die Misere russischer Juden ins Rampenlicht der weltweiten Öffentlichkeit. Eine ganze Reihe ausländischer Wohltätiger Organisation versuchten eine Emigration der Juden aus dem Russischen Reich in die Neue Welt zu organisieren, während die jüdische Zentren kämpften für die Errichtung landwirtschaftlicher Siedlungen im Eretz- Israel.

In Zahlensprache waren die Folge der Pogrome nicht sehr beeindruckend, sie hatten mehr einen symbolischen Charakter und riefen die Legende ins Leben, dass die russischen Juden nach Ost- und Westeuropa flohen, weil sie Angst um ihr Leben hatten.8

Die Krise, die durch die Pogrome von 1881- 82 hervorgerufen wurde, wurde nochmals durch die ambivalente Beziehung der russischen Regierung gegenüber der Migration verkompliziert. Juristisch gesehen durften die Bürger des Russischen Reiches nicht emigrieren.9 Die jüdische Emigration war jedoch von der Imperialen Regierung mehr als willkommen, da man darin die Lösung der jüdischen Frage sah. Der exzentrische Innenminister N.P. Ignatjew sagte im Januar 1882 aus: „Die westliche Grenze sei für die Juden geöffnet“.10 Der russische Staatsdiener und Rechtsgelehrte K.P. Pobedonoscew prognostizierte folgende Variante der Lösung jüdischer Frage in Russland: „Ein Drittel stirbt aus, ein Drittel emigriert und ein Drittel löst sich spurlos in der Bevölkerung aus” (im Sinne der Assimilierung)11, denn den russischen Juden, die das Land verließen war es verboten zurückzukehren.

Schock der Pogrome und die Enttäuschung über der Position russischer Gesellschaft riefen die Idee der Umsiedlung nach Palästina, der Rückkehr nach Eretz Israel ins Leben. Dabei ging es nicht mehr um eine abstrakte Idee der „lashana haba’a bijrushalajim“ (Nächstes Jahr in Jerusalem), sondern um konkrete Pläne. Es entstand eine Bewegung der Palästinophilen „Hovevei Zion“. 1882 gründeten eine Gruppe der jüdischen Jugendliche die „BILU“- Gruppe (was ein hebräisches Akronym nach einem Vers aus dem Buch Jesaja (2:5): “Haus Jakob, geht, lasst uns aufbrechen!” – “Beit Ja’akov Lekhu Ve-nelkha” ist) ins Leben. Die Grundsätze dieser beiden Bewegungen waren die Alija (im Sinne der Rückkehr ins Heilige Land), landwirtschaftliche Bebauung des Landes und die Wiederbelebung hebräischer Sprache. Insgesamt zogen zwischen 1882–1903 rund 20000- 30000 russischer Juden nach Palästina um.

Der zweite Peak der jüdischen Emigration aus Russland fiel auf die Jahre 1903- 1907.12 Mehr als 500 000 Juden verließen während dieser Periode das Land. Die meisten von ihnen gingen aber in die USA (482 000).13 Und schließlich der dritte und letzte Peak jüdischer Emigration aus dem Russischen Reich fiel auf das Jahr 1914. Aus Sorge davor im bevorstehenden ersten Weltkrieg in die Armee eingezogen zu werden kehrten nochmals Hunderttausende russischer Juden dem Land den Rücken zu. Bereits 1884 auf dem Kongress der „Hovevei Zion“- Gruppen sprach sich der Odessiter Arzt und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens Lew (Leo) Pinsker für die Idee der Rückkehr nach Eretz Israel und der Landwirtschaftlichen Bebauung des Landes aus, 12 Jahre vor der Erscheinung des Buches von Theodor Herzl „Der Judenstaat“. Auch in seinem Buch „Autoemanzipation“, das 1882 in Berlin erschien verfolgte Pinsker die Idee eines eigenständigen jüdischen Staates, weil die Assimilierung der Juden in der Diaspora nicht möglich war bzw. Zustande kam.

Insgesamt verließen in dem Zeitraum zwischen 1881 und 1914 1 Million 980 Tausend russischer Juden das Land. Ihre genauen Destinationen werden in der Tabelle 1 dargestellt:14

Tabelle 1: Emigration russischer Juden aus Russland zwischen 1881 und 1914

Die meisten russischen Juden, die das Land zwischen 1881 und 1914 verließen, gingen in die Vereinigten Staaten. Sie machten in dieser Periode über die Hälfte der russischen Einwanderer in den USA, mehr als drei Viertel der gesamten jüdischen Einwanderung in die Vereinigten Staaten in diesen Jahren kam aus dem Russischen Reich.

Es ist auch nicht weiter verwunderlich, weil die Idee in einem unerschlossenen Land, wie Palästina es damals war, von Null anzufangen gefiel natürlich nicht jedem und wie man es an den absoluten Zahlen sieht sogar nur einen kleinen Minderheit. Die Mehrheit der jüdischen Emigranten aus Russland bevorzugte es in die Länder zu gehen, die ein komfortableres Leben anboten.

Das israelische Ministerium für Absorption der Emigranten spricht von rund 50 bis 60 Tausend Immigranten aus dem Russischen Reich in den ersten zwei Alijas.15 Diese Zahl scheint im ersten Moment nicht sehr hoch, jedoch muss man dabei bedenken, dass es sich bei diesen Menschen um Pioniere ihrer Sache gehandelt hat, um Visionäre eines eigenständigen jüdischen Staates. Es handelte sich dabei entweder um Familien mit Kindern, die vornehmlich sich in den Städten niederließen, oder um junge, alleinstehende Idealisten, die sozialistische Ideen mitgebracht hatten und das Juschuw- und Kibbuzimsystem auf dem Land etabliert hatten. Sie gründeten auch mehrere Siedlungen wie zum Beispiel die Stadt HaShomer und Tel Aviv.

Aber auch bei denjenigen russischen Juden, die ihr Glück lieber doch in einer eher Industriellen Welt versucht hatten, muss es sich nicht zwangsläufig um Atheisten, oder Gegner des Zionismus handeln. Die Finanzierung zionistischer Aktivitäten und Organisationen wurde durch Spenden aus den jüdischen Kreisen in den Vereinigten Staaten und Westeuropa finanziert. Die Idee der Eigenstaatlichkeit war also diesen Menschen auch nicht fremd, zumal sich häufende antijüdische Ressentiments in Westeuropa und teilweise in den USA die Theorien der gescheiterten Assimilierung von Leo Pinsker und Theodor Herzl bestätigten. Auch die Auswanderung in die Neue und die Alte Welt war keinesfalls endgültig. Viele der Emigranten verließen die Länder der Neuen und der Alten Welt und gingen entweder aus Überzeugung (wie das der Beispiel von Golda Meir zeigt), oder durch die Verfolgungen während der faschistischen und nationalsozialistischen Diktaturen in Europa (sofern noch die Möglichkeit bestand) nach Palästina.

Im nächsten Teil der Analysereihe werde ich die Situation der Juden in der Sowjetunion und die sowjetische Außenpolitik gegenüber Israel untersuchen, die wahrlich alles Andere als kontinuierlich gewesen waren.

———-

[1] Messmer, Matthias: Sowjetischer und postkommunistischer Antisemitismus. Entwicklungen in Russland, der Ukraine und Litauen, Konstanz 1997, S. 17

[2] Poliakov, Léon: Geschichte des Antisemitismus, VIII Bände, Frankfurt a. M. 1987, Bd. II, S. 182f ff.

[3] Messmer, Matthias: Sowjetischer und postkommunistischer Antisemitismus. Entwicklungen in Russland, der Ukraine und Litauen, Konstanz 1997, S. 18 ff.

[4] Klier, John: Rossija sobiraet svoih evreev: proishozhdenie evrejskogo voprosa v Rossii. 1772- 1825, 2000

[5] Vgl. hier und weiter Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes III, 1992, Beck Verlag S.195ff.

[6] Vgl. Budnickij, Oleg: Evrejskaja emigracija iz Rossii 1881- 2005, Moscow 2008 S. 9 ff.

[7] Zu den Mitgliedern der „Volkswille“ gehörte auch der ältere Bruder Lenins Alexander Iljitsch Uljanow, der wegen der Vorbereitung eines Anschlags auf Alexander III von der Geheimpolizei Ochrana festgenommen und später hingerichtet wurde. Als Wladimir Uljanow (später Lenin) von seinem Tod erfuhr sagte er: А мы пойдём другим путём (Und wir schlagen einen anderen Weg ein).

[8] Es gab praktisch keine Pogrome im Russischen Reich zwischen 1884 mit dem Pogrom in Nizhnij Nowgorod und 1903 als es Unruhen in Kischinjew (Kischinau) gab

[9] Vgl. Roger, Hans: Goverment Policy on Jewish Emigration. Jewish Policies and Right- Wing Politics in Imperial Russia. Basingstoke, 1986, S.176-187

[10] Vgl. Frankel, Jonathan: Prophecy and Politics: Socialism, Nationalism, and the Russian Jews 1862- 1917. Cambridge, 1981, S.67- 74

[11] Vgl. Budnickij, Oleg: Evrejskaja emigracija iz Rossii 1881- 2005, Moscow 2008, S 10 ff.

[12] Die Unruhen in Kischinau in 1903 und die gescheiterte Revolution von 1905 lösten bis Dato die größte Auswanderungswelle russischer Juden aus.

[13] Vgl. W. Kabuzan: Emigracija i Reimmigracija v Rossii v XVIII- nachale XX veka, Moscow, 1998 S. 176

[14] Vgl. Rossija. Demografija ewrejskogo naselenija rossijskoj imperii (1772- 1917)

[15] Vgl. dazu http://www.moia.gov.il/Moia_en/AboutIsrael/aliya1.htm und http://www.moia.gov.il/Moia_en/AboutIsrael/aliya2.htm

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