„Die Sowjetunion ist der beste Freund der Araber“ – diese Phrase wurde in den 70ern in der ägyptischen Zeitung Al Ahram publiziert. UdSSR, die zusammen mit den USA als erste den Staat Israel anerkannt hatte wurde schon bald zu einem Verbündeten und Vertreter arabischer Interessen. Ägypten Nasser´ s, Syrien, Irak, Algerien, Süd- Jemen und marxistischen Gruppierungen der PLO sind die bekanntesten Beispiele für sowjetisch- arabische Zusammenarbeit.
Waffen und sowjetische Militärberater waren in der arabischen Welt höchst willkommen. Aber auch sowjetische Zuwendungen sicherten vielen arabischen Staaten ihre jährliche politische Rente.

Ansiedlungsrayon der Juden im Russischen Imperium
Doch kann die Geschichte in schwarz- weiß Farben gemalt werden? War Russland und die Sowjetunion wirklich ausschließlich „Freund der Araber“, oder kann man von vielseitigen sich im Laufe der Zeit wechselhaften Beziehungen sprechen? Konnte der Staat Israel denn in seiner heutigen Form überhaupt entstehen, wenn es den Emigrationsstrom jüdischer Bürger aus Russland nicht gebe? Und könnte es die ersten Tage seines Lebens überleben ohne die Hilfe der Sowjetunion? Und wie wirkte und wirkt sich die „russische Diaspora“ auf die Russisch- Israelische Beziehungen aus?
Diesen Fragen möchte ich in dieser Analysenreihe nachgehen. Ich werde die Innenpolitik Russlands/ Sowjetunion gegenüber der jüdischen Minderheit im Land untersuchen, gehe auf die Emigration russischer Juden und Migrationpolitik Russlands/ Sowjetunion ein und stelle diese Untersuchungen im Kontext der Russisch- Israelischen Beziehungen dar.
Russland blieb in seiner Geschichte lange Zeit von der jüdischen Frage unberührt. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein lebten im Zarenreich praktisch keine Juden. Der Grund dafür war die staatliche Politik der russischen Zaren, die ihren Ursprung in dem Briefwechsel Iwan des Schrecklichen (1530-1584) mit dem polnischen König Sigismund II. August (1548-1572) hat.1 Dieser wusste um die wirtschaftliche Bedeutung der Juden und wandte sich an den Zar mit der Bitte, die Zulassung einiger jüdischer Kaufleute in Moskau zu gestatten. Die Antwort des Zaren ließ keinen Zweifel an seiner Abneigung gegen den Vorschlag des Königs:
„Wir haben dir gegenüber von den gefährlichen Tätigkeiten der Juden gesprochen, die unsere Untertanen von Christus abwendig machten, in unseren Staat vergiftete Drogen einführten und unseren Untertanen viel Unheil verursachten. Auch in den anderen Staaten haben sie viel Unheil angerichtet; deshalb wurden sie auch ausgetrieben oder hingerichtet.“2
Der Antisemitismus gewann unter Zar Iwan IV. eine neue Qualität: Judenfeindschaft wurde erstmals staatlich gefördert, was unter anderem zu einem Verbot von ,,jüdischem Handel” führte. Eine weitere Dimension gewann die Judenfeindschaft mit der, unter Iwan III. vollzogenen, ,,Schicksalsgemeinschaft” zwischen Zar und Kirche. „Die enge Verbindung zwischen zaristischer Selbstherrschaft, der Autokratie, und der russisch-orthodoxen Kirche wirkte sich äußerst negativ auf Juden aus.”3
Die Juden „zogen nach Russland um“ ohne ihre Wohnplätze auch nur im Entferntesten verlassen zu haben. In 1772 im Zuge der ersten Teilung Polens fanden sich im Russischen Imperium plötzlich rund 60000 Juden wieder. „Россия собирает своих евреев“ (Russland sammelt seine Juden) beschrieb John Klier in seinem gleichnamigen Buch diese Entwicklung. Nach der Zweiten (1793) und Dritten Teilung Polens (1795) wurde das Russische Reich plötzlich zu einem Land mit der größten jüdischen Bevölkerung weltweit und das obwohl vor dieser Entwicklung die Juden in Russland wie bereits erwähnt unerwünscht waren. Im Jahr 1800 machte die jüdische Bevölkerung Russlands 22,8% der gesamten jüdischen Bevölkerung weltweit aus. Nach der Eingliederung des Herzogtums Warschau 1815 lebten bereits 46,9% aller Juden weltweit auf dem Territorium des Russischen Zarenreichs. 1880 lag diese Zahl sogar bei 53,4%.4
Im aufgeklärt- absolutistischen Zarenreich unter Katharina II. diskriminierte man die neue Minderheit zunächst nicht, sondern versuchte eine Integration zu erreichen. Doch schon bald änderte sich diese Politik von Grund auf. Aufgrund zahlreicher Beschwerden von Moskauer Kaufleuten, die sich durch die jüdische Konkurrenz in ihrer Existenz bedroht sahen, wurde im Jahre 1791 der Ansiedlungsrayon gegründet, der den jüdischen Lebensraum auf die neu annektierten Gebiete begrenzte (Polen, ,,Neurussland” und die Region nördlich des Schwarzen Meeres). Im Jahr 1835 erließ Zar Nikolaus I. eine neue Judengesetzgebung, in der die Juden zum Fremdvolk erklärt wurden und ihre Freizügigkeit innerhalb Russlands stark eingeschränkt wurde. Der sogenannte Ansiedlungsrayon beschränkte sich auf Polen, Weißrussland, Litauen, die Ukraine und die Krim.
Eine temporäre Erleichterung erfuhren die Juden im ,,Reformzeitalter” unter Alexander II. (1855-1881). Nach seinem Regierungsantritt schaffte dieser die militärischen Rekrutierungen ab. Außerdem erfuhr die Siedlungspolitik eine Lockerung, indem der Zar den ,,besseren Kreisen” – also hohen Kaufleuten, Zunfthandwerkern, Inhabern akademischer Titel oder ehemaligen Studenten – die Niederlassung im Innern Russlands gestattete
Zu einer Eskalation kam es 1881 mit der Ermordung Zar Alexanders II. Kurz nach dem Tod des liberalen Herrschers brachen in der Ukraine die sogenannten “Stürme im Süden” aus, eine vom traditionellen Judenhass geprägte Pogromwelle, die neben Kiew und Odessa noch über 100 weitere Gemeinden überzog.5
Deswegen nennt Oleg Budnickij die Prozesse ab 1881 vorsichtig als „Россия теряет своих евреев“ (Russland verliert seine Juden).6 Eine bedeutende jüdische Emigration gab es bereits in den 1870er Jahren. In der „черта оседлости“ (Niederlassungsgrenze) eingepfercht versuchten die russischen Juden dieser „in die Freiheit“ zu entfliehen. Es gelang einigen von ihnen nach Osten in die inneren Gouvernements zu entfliehen, die Anderen wählten als Emigrationsziel den Westen, wo es zu diesem Zeitpunkt keine mittelalterlichen Begrenzungen für Juden mehr gab. Auch die Hungersjahre in Litauen 1869- 70 bewirkten einen massenhaften Anstieg jüdischer Emigration insbesondere in Richtung Westen. Doch die massenhafte Emigration russischer Juden in dem 19. Jahrhundert wurde zweifelsohne durch die massenhafte Pogrome 1881- 82 die als Reaktion auf die Ermordung Alexander II. durch den Mitglied der Untergrundorganisation Народная Воля (Volkswille) Nikolai Ryssakow hervorgerufen. Die Organisation Volkswille war eine konspirative Vereinigung mit demokratischen Zielen, deren Mitglieder sich aus progressiven Jugendlichen russischer, jüdischer und polnischer Herkunft waren.7 Das schnelle Ausbreiten der Pogromwelle ließ auf eine planmäßige Organisation der Pogrome schließen. Auch auf ein Einschreiten der Behörden wartete man vergeblich. Deswegen schlussfolgert Ben- Sasson, dass diese Pogrome auf Geheiß der Regierung angeordnet wurden.
Die Antwort auf die Krise der 1881- 82 war die Massenemigration der Juden aus Russland. Während als Folge der Hungerkrise in Litauen 1869- 70 nur einige Tausend Juden das Land verließen, kehrten es in der Periode von 1881- 1914 1 Million 980 Tausend Juden dem Land ihren Rücken zu. Wichtiger ist aber, dass die jüdischen Pogrome (in 1881- 82 waren es rund 250 jährlich) rückten die Misere russischer Juden ins Rampenlicht der weltweiten Öffentlichkeit. Eine ganze Reihe ausländischer Wohltätiger Organisation versuchten eine Emigration der Juden aus dem Russischen Reich in die Neue Welt zu organisieren, während die jüdische Zentren kämpften für die Errichtung landwirtschaftlicher Siedlungen im Eretz- Israel.
In Zahlensprache waren die Folge der Pogrome nicht sehr beeindruckend, sie hatten mehr einen symbolischen Charakter und riefen die Legende ins Leben, dass die russischen Juden nach Ost- und Westeuropa flohen, weil sie Angst um ihr Leben hatten.8
Die Krise, die durch die Pogrome von 1881- 82 hervorgerufen wurde, wurde nochmals durch die ambivalente Beziehung der russischen Regierung gegenüber der Migration verkompliziert. Juristisch gesehen durften die Bürger des Russischen Reiches nicht emigrieren.9 Die jüdische Emigration war jedoch von der Imperialen Regierung mehr als willkommen, da man darin die Lösung der jüdischen Frage sah. Der exzentrische Innenminister N.P. Ignatjew sagte im Januar 1882 aus: „Die westliche Grenze sei für die Juden geöffnet“.10 Der russische Staatsdiener und Rechtsgelehrte K.P. Pobedonoscew prognostizierte folgende Variante der Lösung jüdischer Frage in Russland: „Ein Drittel stirbt aus, ein Drittel emigriert und ein Drittel löst sich spurlos in der Bevölkerung aus” (im Sinne der Assimilierung)11, denn den russischen Juden, die das Land verließen war es verboten zurückzukehren.
Schock der Pogrome und die Enttäuschung über der Position russischer Gesellschaft riefen die Idee der Umsiedlung nach Palästina, der Rückkehr nach Eretz Israel ins Leben. Dabei ging es nicht mehr um eine abstrakte Idee der „lashana haba’a bijrushalajim“ (Nächstes Jahr in Jerusalem), sondern um konkrete Pläne. Es entstand eine Bewegung der Palästinophilen „Hovevei Zion“. 1882 gründeten eine Gruppe der jüdischen Jugendliche die „BILU“- Gruppe (was ein hebräisches Akronym nach einem Vers aus dem Buch Jesaja (2:5): “Haus Jakob, geht, lasst uns aufbrechen!” – “Beit Ja’akov Lekhu Ve-nelkha” ist) ins Leben. Die Grundsätze dieser beiden Bewegungen waren die Alija (im Sinne der Rückkehr ins Heilige Land), landwirtschaftliche Bebauung des Landes und die Wiederbelebung hebräischer Sprache. Insgesamt zogen zwischen 1882–1903 rund 20000- 30000 russischer Juden nach Palästina um.
Der zweite Peak der jüdischen Emigration aus Russland fiel auf die Jahre 1903- 1907.12 Mehr als 500 000 Juden verließen während dieser Periode das Land. Die meisten von ihnen gingen aber in die USA (482 000).13 Und schließlich der dritte und letzte Peak jüdischer Emigration aus dem Russischen Reich fiel auf das Jahr 1914. Aus Sorge davor im bevorstehenden ersten Weltkrieg in die Armee eingezogen zu werden kehrten nochmals Hunderttausende russischer Juden dem Land den Rücken zu. Bereits 1884 auf dem Kongress der „Hovevei Zion“- Gruppen sprach sich der Odessiter Arzt und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens Lew (Leo) Pinsker für die Idee der Rückkehr nach Eretz Israel und der Landwirtschaftlichen Bebauung des Landes aus, 12 Jahre vor der Erscheinung des Buches von Theodor Herzl „Der Judenstaat“. Auch in seinem Buch „Autoemanzipation“, das 1882 in Berlin erschien verfolgte Pinsker die Idee eines eigenständigen jüdischen Staates, weil die Assimilierung der Juden in der Diaspora nicht möglich war bzw. Zustande kam.
Insgesamt verließen in dem Zeitraum zwischen 1881 und 1914 1 Million 980 Tausend russischer Juden das Land. Ihre genauen Destinationen werden in der Tabelle 1 dargestellt:14
Tabelle 1: Emigration russischer Juden aus Russland zwischen 1881 und 1914

Die meisten russischen Juden, die das Land zwischen 1881 und 1914 verließen, gingen in die Vereinigten Staaten. Sie machten in dieser Periode über die Hälfte der russischen Einwanderer in den USA, mehr als drei Viertel der gesamten jüdischen Einwanderung in die Vereinigten Staaten in diesen Jahren kam aus dem Russischen Reich.
Es ist auch nicht weiter verwunderlich, weil die Idee in einem unerschlossenen Land, wie Palästina es damals war, von Null anzufangen gefiel natürlich nicht jedem und wie man es an den absoluten Zahlen sieht sogar nur einen kleinen Minderheit. Die Mehrheit der jüdischen Emigranten aus Russland bevorzugte es in die Länder zu gehen, die ein komfortableres Leben anboten.
Das israelische Ministerium für Absorption der Emigranten spricht von rund 50 bis 60 Tausend Immigranten aus dem Russischen Reich in den ersten zwei Alijas.15 Diese Zahl scheint im ersten Moment nicht sehr hoch, jedoch muss man dabei bedenken, dass es sich bei diesen Menschen um Pioniere ihrer Sache gehandelt hat, um Visionäre eines eigenständigen jüdischen Staates. Es handelte sich dabei entweder um Familien mit Kindern, die vornehmlich sich in den Städten niederließen, oder um junge, alleinstehende Idealisten, die sozialistische Ideen mitgebracht hatten und das Juschuw- und Kibbuzimsystem auf dem Land etabliert hatten. Sie gründeten auch mehrere Siedlungen wie zum Beispiel die Stadt HaShomer und Tel Aviv.
Aber auch bei denjenigen russischen Juden, die ihr Glück lieber doch in einer eher Industriellen Welt versucht hatten, muss es sich nicht zwangsläufig um Atheisten, oder Gegner des Zionismus handeln. Die Finanzierung zionistischer Aktivitäten und Organisationen wurde durch Spenden aus den jüdischen Kreisen in den Vereinigten Staaten und Westeuropa finanziert. Die Idee der Eigenstaatlichkeit war also diesen Menschen auch nicht fremd, zumal sich häufende antijüdische Ressentiments in Westeuropa und teilweise in den USA die Theorien der gescheiterten Assimilierung von Leo Pinsker und Theodor Herzl bestätigten. Auch die Auswanderung in die Neue und die Alte Welt war keinesfalls endgültig. Viele der Emigranten verließen die Länder der Neuen und der Alten Welt und gingen entweder aus Überzeugung (wie das der Beispiel von Golda Meir zeigt), oder durch die Verfolgungen während der faschistischen und nationalsozialistischen Diktaturen in Europa (sofern noch die Möglichkeit bestand) nach Palästina.
Im nächsten Teil der Analysereihe werde ich die Situation der Juden in der Sowjetunion und die sowjetische Außenpolitik gegenüber Israel untersuchen, die wahrlich alles Andere als kontinuierlich gewesen waren.
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[1] Messmer, Matthias: Sowjetischer und postkommunistischer Antisemitismus. Entwicklungen in Russland, der Ukraine und Litauen, Konstanz 1997, S. 17
[2] Poliakov, Léon: Geschichte des Antisemitismus, VIII Bände, Frankfurt a. M. 1987, Bd. II, S. 182f ff.
[3] Messmer, Matthias: Sowjetischer und postkommunistischer Antisemitismus. Entwicklungen in Russland, der Ukraine und Litauen, Konstanz 1997, S. 18 ff.
[4] Klier, John: Rossija sobiraet svoih evreev: proishozhdenie evrejskogo voprosa v Rossii. 1772- 1825, 2000
[5] Vgl. hier und weiter Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes III, 1992, Beck Verlag S.195ff.
[6] Vgl. Budnickij, Oleg: Evrejskaja emigracija iz Rossii 1881- 2005, Moscow 2008 S. 9 ff.
[7] Zu den Mitgliedern der „Volkswille“ gehörte auch der ältere Bruder Lenins Alexander Iljitsch Uljanow, der wegen der Vorbereitung eines Anschlags auf Alexander III von der Geheimpolizei Ochrana festgenommen und später hingerichtet wurde. Als Wladimir Uljanow (später Lenin) von seinem Tod erfuhr sagte er: А мы пойдём другим путём (Und wir schlagen einen anderen Weg ein).
[8] Es gab praktisch keine Pogrome im Russischen Reich zwischen 1884 mit dem Pogrom in Nizhnij Nowgorod und 1903 als es Unruhen in Kischinjew (Kischinau) gab
[9] Vgl. Roger, Hans: Goverment Policy on Jewish Emigration. Jewish Policies and Right- Wing Politics in Imperial Russia. Basingstoke, 1986, S.176-187
[10] Vgl. Frankel, Jonathan: Prophecy and Politics: Socialism, Nationalism, and the Russian Jews 1862- 1917. Cambridge, 1981, S.67- 74
[11] Vgl. Budnickij, Oleg: Evrejskaja emigracija iz Rossii 1881- 2005, Moscow 2008, S 10 ff.
[12] Die Unruhen in Kischinau in 1903 und die gescheiterte Revolution von 1905 lösten bis Dato die größte Auswanderungswelle russischer Juden aus.
[13] Vgl. W. Kabuzan: Emigracija i Reimmigracija v Rossii v XVIII- nachale XX veka, Moscow, 1998 S. 176
[14] Vgl. Rossija. Demografija ewrejskogo naselenija rossijskoj imperii (1772- 1917)
[15] Vgl. dazu http://www.moia.gov.il/Moia_en/AboutIsrael/aliya1.htm und http://www.moia.gov.il/Moia_en/AboutIsrael/aliya2.htm
Paul Becker für
