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Die schrumpfende Weltmacht: Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten.

Veröffentlicht am 16 April 2011 von Paul Becker

Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht, welchen demografischen Veränderungen die
Regionen Russlands und der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken heute und in Zukunft ausgesetzt
sind.

Von Stephan Sievert, Reiner Klingholz, Paul Becker, Klaus-Helge Donath, Steffen Kröhnert

Knapp 20 Jahre sind vergangen, seit der gescheiterte Augustputsch 1991 das endgültige Aus der Sowjetunion besiegelte. Mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems der regionalen
Arbeitsteilung wurden aus ökonomischen Verbündeten über Nacht Wettbewerber: War den zentralasiatischen Staaten zuvor die Produktion von Wasserkraft und Baumwolle zugedacht, der Ukraine die Lieferung einer Vielzahl von Fertiggütern und Moldawien die von Lebensmitteln, mussten die Länder fortan auf eigenen Beinen stehen und eigene Märkte für ihre Produkte suchen. Und auch innerhalb der neuen Staaten und Regionen entbrannte ein Wettbewerb um Kapital, Menschen und Technologien. Wo sich Wirtschafts- und Besiedlungsstruktur ehemals sicherheitspolitischen Aspekten unterordnen mussten, folgen sie nun überwiegend der Logik des Marktes. Vielerorts hat diese die etablierten Strukturen längst ad absurdum geführt: Zahlreiche Industriesiedlungen sind unter hohen Produktionskosten zusammengebrochen, Zentren der Rüstungsindustrie obsolet geworden, und ländliche Räume haben sich durch Abwanderung entleert.

Zwischen den neuen Freiheiten und dem ungewohnten Angebot an Konsumgütern einerseits und der millionenfachen Armut und Arbeitslosigkeit andererseits klaffte allerdings schnell ein riesiges Loch. Nicht nur auf die seelische Gesundheit der Menschen hatte dies verheerende Auswirkungen: Drogen- und Alkoholmissbrauch richteten viele körperlich zugrunde. In Russland sank die Lebenserwartung für Männer mit 57 Jahren auf den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit. Wer kaum genug hatte, um das eigene Überleben zu sichern, konnte es sich erst recht nicht leisten, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Binnen eines Jahrzehnts sank die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Russland von über zwei auf 1,2. Zu diesem Trend trug ab Mitte der 1990er Jahre auch die neu gewonnene Freiheit bei, die viele Frauen dazu veranlasste, den Kinderwunsch gegenüber jenem nach Selbstverwirklichung zurückzustellen.

Die Bevölkerungszahl Russlands ist seit 1993 von knapp 149 auf 142 Millionen Menschen zurückgegangen.
Wären nicht mehrere Millionen ethnische Russen nach dem Ende der Sowjetunion in ihre alte Heimat zurückgekehrt, wäre der Verlust etwa doppelt so hoch ausgefallen. Auch weil das Reservoir der Auslandsrussen langsam aufgebraucht ist, wird sich der Bevölkerungsrückgang in Zukunft beschleunigen. Denn in den nächsten Jahren kommen die ausgedünnten Jahrgänge der 1990er ins Elternalter. Bis 2030 könnte Russland weitere 15 Millionen Menschen verlieren – am stärksten wird der Rückgang unter der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter sein. Für die wirtschaftliche Zukunft des Landes wird es daher immer wichtiger, dass die restliche Bevölkerung über einen guten Bildungs- und Gesundheitsstand verfügt.

Die neue Studie „Die schrumpfende Weltmacht – Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten“ des Berlin-Instituts zeigt eine Weltregion, die von einem demografischen Schrumpfungsprozess im Norden und einem starken Bevölkerungswachstum im Süden gekennzeichnet ist. Migrationsdruck auf der einen Seite trifft auf Arbeitskräfterückgang auf der anderen Seite. Diese Gewichte auszutarieren, ist in der Realität oft komplizierter, als es in der Theorie erscheint.

Anhand einer Clusteranalyse war es möglich, die 141 betrachteten Regionen und Länder auf
dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach demografischen Charakteristika in fünf Gruppen
mit ähnlichen Herausforderungen einzuteilen.

Die wichtigsten Ergebnisse

Eckpunkte der Studie „Die schrumpfende Weltmacht – Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten“ des Berlin-Instituts

• Seit 1993 ist die Bevölkerungszahl Russlands von 149 auf 142 Millionen Menschen zurückgegangen – bis dahin war sie seit dem Zweiten Weltkrieg stetig gewachsen.
• Ohne Zuwanderung hätte sich der Verlust auf etwa 11,5 Millionen Menschen belaufen.
• Nach der Wende brach die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Russland von zuvor 1,89 auf 1,16 ein – inzwischen erholt sie sich langsam wieder. Sie liegt heute mit 1,54 jedoch weit unter jenem Niveau, das für stabile Bevölkerungsentwicklung nötig wäre.
• Obwohl sich moderne Verhütungsmittel auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion langsam verbreiten, werden in Russland noch immer mehr Schwangerschaften abgebrochen als in der gesamten EU, in der viermal so viele Menschen wohnen.
• Die Lebenserwartung in Russland sank zwischen 1991 und 1994 von 69 auf weniger als 64 Jahre und trug entscheidend zu den Sterbeüberschüssen bei – auch hier ist jüngst wieder eine leichte Verbesserung zu beobachten.
• Besonders der Gesundheitszustand von Männern verschlechterte sich – sie konnten Mitte der 1990er Jahre lediglich mit einer durchschnittlichen Lebenszeit von 58 Jahren rechnen. Heute liegt die Lebenserwartung mit 62,8 Jahren noch immer niedriger als in Bangladesch.
• Häufigste Todesursache sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefolgt von Todesfällen durch äußere Einflüsse (Morde, Selbstmorde, Unfälle).In typischen russischen Industriestädten lässt sich zwischen einem Drittel und der
Hälfte aller Todesfälle unter männlichen Erwachsenen direkt oder indirekt auf Alkoholmissbrauch zurückführen – doch auch Infektionskrankheiten wie Aids oder Tuberkulose sind in Russland auf dem Vormarsch.
• Der Bevölkerungsrückgang wird sich in Zukunft beschleunigen, da die Zuwanderungszahlen niedriger liegen als in den 1990er Jahren und künftig deutlich weniger potenzielle Mütter zur Verfügung stehen.
• Bis 2030 könnte Russland etwa 15 Millionen Menschen verlieren – um eben jene Zahl wird auch die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zurückgehen, da die sinkende Zahl an Kindern durch mehr ältere Menschen ausgeglichen wird.
• Periphere Gebiete im Norden und Osten verlieren überproportional.
• In den zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion und in weiten Teilen des Kaukasus liegen die durchschnittlichen Kinderzahlen dagegen bei über zwei und teilweise sogar drei. Diese Staaten werden auch weiterhin wachsen – Tadschikistan um bis zu 35 Prozent bis 2030.
• Die Arbeitsmigration nach Russland wird weiter anhalten – die Rücküberweisungen der Migranten stellen für Länder wie Usbekistan, Tadschikistan oder Aserbaidschan eine wichtige Hilfe im Kampf gegen die Armut dar.
• Trotz Verbesserungen der russischen Migrationspolitik in den letzten Jahren hält sich noch immer bis zu ein Viertel aller Migranten illegal in Russland auf – und auch registrierte Migranten verdienen ihr Geld häufig in der Schattenwirtschaft.

Zur deutschen Studie (PDF)
Zur englischen Studie (PDF)
Zur russischen Studie (PDF)

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