Am Vortag der Oktoberrevolution

Leo Trotzki. Quelle: carabaas.livejournal.com
Bürgerlich- demokratische Parteien Russlands wie die Kadetten- Partei, die Progressivisten und auch andere Parteien versuchten konsequent für die jüdische Bevölkerung des Reiches, wie auch für die anderen Fremdvölker und Andersgläubigen die Gleichberechtigung einzuführen. Das war auch eine ihrer ersten Handlungen, als sie am 20 März 1917 als sie an die Macht kamen. Provisorische Regierung schaffte per Dekret die religiösen und nationalen Beschränkungen wie den Siedlungsrayon ab. Aber auch abgesehen von diesem Dekret entsprach das bürgerlich- demokratische Programm voll und ganz den Interessen der jüdischen Bevölkerung Russlands, unter denen es nur wenige Proletarier und gar keine Bauern gab. So wäre es eigentlich logisch zu erwarten, dass die jüdischen Sympathien nicht den Parteien gelten würden, die für sie so wenig aktuelle Themen wie „Diktatur des Proletariats“ und der „Lösung der Landfrage“ propagierten.
Doch was passierte in Wirklichkeit? Liberale Parteien hatten ohne Zweifel einige Anhänger in der jüdischen Inteligenzija. Viele russische Juden spielten auch nicht die letzte Geige in der bürgerlich- demokratischen Presse. Jüdische Abgeordnete in der Duma traten mehrheitlich der Kadetten- Fraktion bei. Doch die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung fand sich damals auf dem linken politischen Spektrum wieder, egal ob bei den rechten oder linken Esseren, bei den Menschewiki, Bolschewiki oder sogar bei den Anarchisten.
Warum befanden sich denn so viele politisch aktive Juden in Russland auf radikaleren Positionen, als es die nationalen Interessen russischen Judentums erforderten?
Vielleicht, weil die Bolschewiken jüdischer Herkunft von den unteren gesellschaftlichen Kreisen abstammten und deswegen eher die Klassen- als nationale Interessen verfolgten? Doch das stimmt nicht. Lew Bronstein (Leo Trotzki) zum Beispiel war der Sohn eines reichen Landbesitzers, Lew Rosenfeld (Lew Kamenew) – eines Ingenieurs, Owsej- Gerschen Aronowitsch Radomyslski- Apfelbaum (Grigorij Sinowjew) – eines Milchfarmbesitzers, Moissei Urizki – eines Geschäftsmannes, Anatoli Lunatscharski- Sohn eines hohen Beamten in Poltawa. Das gleiche Bild sah man auch in den anderen linken Parteien. Menschiwik Martow wuchs in der Familie eines wohlhabenden Mitarbeiters der russischen Gesellschaft für Schifffahrt und Handel auf, Stolypins Mörder Bogrow war ein Sohn des reichsten Kiewer Hauseigentümers.1 Die Wahl der radikalen linken Parteien als Betätigungsfeld in der Politik kann also durch den Hass gegenüber den höheren Klassen nicht erklärt werden.
Es liegt natürlich auf der Hand, dass jeder jüdischer Revolutionär seinen eigenen Weg in die Revolution gefunden hat. Nichtdestotrotz vermute ich, dass sie gemeinsame Gefühle und Hoffnungen gehegt hatten, die sie letztendlich in die Reihen der revolutionären Parteien geführt hatten. An dieser Stelle möchte ich David Shub zitieren, einen Journalisten und Buchautor2, der 1904 das Russische Reich verließ, um in die Vereinigten Staaten zu emigrieren:3
“Trotzki, wie auch andere führende Bolschewiki jüdischer Abstammung, fühlten sich zu keinem Zeitpunkt mit den jüdischen Massen verbunden und waren niemals Mitglieder irgendeiner jüdischen Organisation. Sie waren eifrige Gegner einer jüdischen nationalen und kulturellen Bewegung und jeder von ihnen unterstrich ständig, er sei kein Jude, sondern „Internationalist“. Auch Jaroslawskij, Litwinow, Radek, Ganezki, Rjazanow, Steklow, Jagoda und einige andere führende Bolschewiken der ersten Jahre nach der Oktoberrevolution, sahen sich entweder als Russen, oder als „Internationalisten“ an und hatten mit dem jüdischen Volk nichts gemeinsam außer ihrer Herkunft”.
Am Vortag der Oktoberrevolution in Russland gab es also zwei entgegengesetzte Entwicklungsstrategien, die die Geschicke des jüdischen Volkes bestimmen sollten. Der von Pinsker und Herzl entwickelte zionistischer Weg und die sozialistischen Ideen der egalitären klassen- und konfessionslosen Gesellschaft. Demnach war eine Assimilation der Juden nur in einer völlig neuen Gesellschaft möglich. Wenn also die alte Welt die Juden nicht als Gleichgestellte sehen will, dann „werfen wir ihr Staub von unseren Stiefeln ab und zerstören sie bis aufs Fundament“. Und dann- „My nash, my novyj mir postoim. Kto byl nichem, tot stanet vsem.“4
Um diesen Traum einer Klassen- und Konfessionslosen Gesellschaft zu verwirklichen bedurfte es natürlich mehr als nur Partizipation in den Wahlen und anderen bürgerlich- demokratischen Freiheiten, die Kadettenpartei den Juden bereits nach der Februarrevolution 1917 gewährte.5 Es bedurfte einer totalen Umstrukturierung der gesamten Gesellschaft- je radikaler, umso besser. Je radikaler also ein Parteiprogramm war, umso anziehender war es in den Augen einiger russischer Juden, die bewusst oder unbewusst ihre Herkunft als bedrückend empfanden. Nur die Realisierung des Parteiprogrammes der Bolschewiken war laut Trotzki, es ihm erlauben „Nicht Jude, sondern ein Internationalist zu werden“, oder einfacher ausgedrückt, ihm zu vergessen helfen und auch die Anderen zwingen zu vergessen, wer Lew Bronstein war.6
Es ist gut möglich, dass viele von den russischen Juden, die sich letztendlich in den Reihen der Bolschewiken gefunden haben, die gleichen Gefühle oder Gedanken gehabt hatten. Denn nur die komplette Zerstörung der alten Gesellschaftsordnung gab ihnen wenigstens eine Hoffnung.







