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Russland: Demographie, Sterblichkeit und Alkoholkonsum

Veröffentlicht am 03 November 2009 von Paul Becker

In den letzten 20 Jahren erfuhr die Russische Föderation bis Dato in Friedenszeiten noch nie dagewesenen Rückgang der Bevölkerung. Von 1987 bis 1994 stieg die Sterblichkeit von 1,5 Mio. auf 2,3 Mio. jährlich an. Seit 1992 überstieg die jährliche Mortalität bei weitem die Anzahl an Neugeborenen, was zu einem natürlichen Rückgang der Bevölkerung führte. Erst dieses Jahr konnte dieser Trend umgekehrt werden und die Anzahl der Neugeborenen überstieg leicht die Anzahl der Todesfälle.

Quelle: Goskomstat

Quelle: Goskomstat

Dieser Anstieg der Fertilität ist auf die Familienfreundliche Politik zurückzuführen, die russische Regierung seit 2006 betreibt. Mutter- und Kindergeld, sowie günstige staatlichen Kredite für Familien mit Kindern sorgten dafür, dass viele junge Menschen sich für Kind(er) entschieden haben. Wie lange diese Politik angesichts gesunkener Preise auf den internationalen Märkten für Energieträger (zur Erinnerung: Rund 60% aller Ausfuhren der RF entfallen auf Energieträger und Waren der ersten Verarbeitungsstufe) und schmelzendem Stabilitätsfond (Die Summe aller Devisenreserven betrug im Juli 2009 noch umgerechnet rund 398 Mrd. US- $, was im Vergleich zum August 2008 ein Minus von 200 Mrd. US- $ darstellt) für das Land noch zu halten ist, kann an dieser Stelle mangels ausreichender Informationen nicht beantwortet werden. Fakt jedenfalls ist, dass die Sterblichkeit nicht gesunken ist.

Der Anstieg der Mortalität konzentriert sich vor Allem in der Gruppe der Männer im erwerbsfähigen Alter – die Sterblichkeit in dieser Gruppe hat sich verglichen mit 1960 fast verdoppelt. Was könnten die Gründe für solch eine unerfreuliche Entwicklung sein?

Oft werden das Rauchen, die Fettleibigkeit oder Dystrophie, sowie die Verschlechterung des Gesundheitssystems als Gründe für den Anstieg der Mortalität angeführt. 60% russischer Männer sind Raucher, Frauen rauchen dagegen in nur 30% der Fälle. Zum Vergleich rauchen in der Bundesrepublik rund 34% der Menschen, in Frankreich 38% und im Vereinigten Königreich sind es 35%, wobei die Anteile rauchender Frauen in Europa höher sind als in der Russischen Föderation. Der Tabakkonsum in der Russischen Föderation stieg aber seit dem Beginn der Transformation kaum an und kann deswegen nicht als Grund für die angestiegene Sterblichkeit angeführt werden. Auch die Fälle von Adipositas und Dystrophie blieben weitestgehend auf dem Niveau der Sowjetunion. Auch die Verschlechterung des Gesundheitssystems in der Russischen Föderation seit 1991 kann nicht als Ursache für die angestiegene Mortalität gelten, weil die Kindersterblichkeit, die ein Indikator für das Funktionieren des Gesundheitssystems gilt, konnte in der Russischen Föderation gesenkt werden. Zwar hat medizinische Versorgung der Bevölkerung herbe Rückschläge einstecken müssen, jedoch blieb die kostenfreie Grundversorgung der Bevölkerung erhalten. Auch das Medikamentenkonsum sank nicht über die Zeit.

Was sind dann die Ursachen für diesen Anstieg?

Ohne jeden Zweifel ist Alkoholismus seit dem Beginn des Transformationsprozesses die Ursache Nummer 1 für die angestiegene Sterblichkeit in der Russischen Föderation. 52% aller Todesfälle sind auf den Alkoholkonsum zurückzuführen. Dazu zählen neben “klassischen” Ursachen wie Leberzirrhose und Alkoholvergiftungen durch schlechten Alkohol, oder übermäßigen Alkoholkonsum, auch Totschläge, Morde und oft sogar Selbstmorde, die in den 90ern in der Russischen Föderation 6Mal höher waren als in den USA. Der oberste Sanitätsarzt Russischer Föderation Gennadij Onischenko geht von einer Dunkelziffer an Alkoholikern, die an die 5 Millionen reicht.

Kardiovaskuläre Krankheiten, oft bedingt durch den Transformationsstress, bilden die zweite wichtige Ursache für die Angestiegene Sterblichkeit in der Russischen Föderation.

Während der Zeit der Anti-Alkohol-Kampagne 1984-1987, gab es einen starken Rückgang der Sterblichkeit und Steigerung der Lebenserwartung bei den russischen Männern. Während der Kampagne drosselte der Staat die Herstellung von Alkohol, ergriff die Maßnahmen, um die Herstellung und den Vertrieb von Selbstgebrannten zu unterbinden. Der Staat erhöhte Alkoholpreise und schuf Voraussetzungen für einen zwanghaften Alkoholentzug. Weil diese Maßnahmen in der Bevölkerung sehr unpopulär waren, wurden sie nach ein paar Jahren abgeschafft, was zu einer sofortigen Steigerung des Alkoholismus unter den Männern, sowie der Sterblichkeitsrate geführt hat.

In den 1990er Jahren kam es zu einen dramatischen Anstieg in der Verfügbarkeit von alkoholischen Getränken durch eine Verringerung der formellen Kontrolle über ihre Herstellung, ihren Verkauf und Konsum. Jährlicher Alkoholkonsum in der Russischen Föderation beläuft sich seit dem auf ca. 10- 16 Litern pro Kopf und Jahr. Diese Zahl erscheint auf den ersten Blick vielleicht noch nicht so hoch, wenn man bedenkt, dass diese Zahlen in Frankreich und Spanien bei rund 20- 25 Litern liegen. Auf den zweiten Blick erkennt man dann das Problem, nämlich die Art des Alkohols und die Trinkgewohnheiten in den unterschiedlichen Ländern. Während Franzosen und Spanier überwiegend Wein in kleinen täglichen Dosen zu sich nehmen, trinken die Russen “harte Sachen” wie zum Beispiel Wodka, die zwar nicht unbedingt täglich getrunken werden, führen aber zu schweren Intoxikationen und zum aggressiven Verhalten.

Erfreuliche Nachricht bilden an dieser Stelle die Resultate einer repräsentativen Umfrage des Fonds für Meinungsforschung (FOM) über die Veränderung von Trinkgewohnheiten in der russischen Bevölkerung. Insbesondere die jungen Kohorten zeigen Affinität zu Bier und Wein und gleichen mehr und mehr ihren Gleichaltrigen in Europa.

Weniger erfreuliche Nachricht ist der seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise um 5% gestiegene Wodkakonsum in der Bevölkerung. Verglichen mit anderen Lebensmitteln stiegen die Preise für Alkohol nicht so stark an und machten ihn als “Entspannungsmittel in Krisenzeiten” bezahlbar.

Die russische Regierung unterdessen ist der Gefahr des Alkoholmissbrauchs bewusst. Das Ziel der Regierung sei es den Alkoholkonsum auf 8 Liter pro Kopf und Jahr zu senken. Der erste Schritt auf diesem Weg wäre meiner Meinung nach die Wiederherstellung des Staatsmonopols auf Spirituosenherstellung und der Ausbau von Staatskontrollen, die gegen die illegalen Spirituosenhersteller gerichtet sind. Dies könnte aber an allgegenwärtigen Korruption scheitern, die nun seit 9 Jahren auf der Prioritätenliste der russischen Regierung steht.

Jedenfalls würden der Staatsmonopol auf Spirituosenherstellung und eine staatsgelenkte Preiserhöhung für diese, nicht nur zur Füllung der in der Krisenzeit gebeutelten Kassen, sondern auch zum automatischen Absinken des Konsums führen.

Paul Becker für

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Russland: Verfahrensvereinfachung zu Erlangung der russischen Staatsbürgerschaft

Veröffentlicht am 16 Februar 2009 von Paul Becker

Die Abgeordneten der Staatsduma verabschiedeten in erster Lesung ein Gesetz, nach dem für Ausländer, deren Kinder in Russland leben, das Verfahren zur Erlangung russischer Staatsbürgerschaft vereinfacht wird. Entsprechende Änderungen werden in den Gesetzen über die “Staatsbürgerschaft” und  die “Rechtsstellung der Ausländer in der Russischen Föderation” vorgenommen, berichtet Lenta.ru

Bild: Fernsehsender Vesti

Laut den in der ersten Lesung der Staatsduma genehmigten Änderungen werden die Ausländer, deren Kinder in Russland leben, auch vorübergehende Aufenthaltserlaubnis in der Russischen Föderation bekommen können, sofern für sie die russische Staatsbürgerschaft nicht vom Interesse ist.

Dieses vereinfachte Verfahren erlaubt es die russische Staatsbürgerschaft zu erlangen, ohne die sonst erforderlichen Auflagen erfüllen zu müssen.

Laut geltenden Gesetzen, bestand bis Dato das Recht für vereinfachte Erlangung der russischen Bürgerschaft nur für drei Kategorien der Ausländer.

Erstens- Für Kinder russischer Staatsbürger, oder ausländischer Bürger, die in Russland leben.

Zweitens- Für Staatsbürger der ehemaligen UdSSR, die in den Nachfolgerepubliken leben, jedoch keine Staatsbürgerschaft dieser Republiken erhalten haben

Drittens- Für Bürger der Nachfolgerepubliken der UdSSR, die nach dem 01. Juli 2002 eine mittlere, oder höhere Ausbildung in der Russischen Föderation erhalten haben

Entsprechende Abkommen über die vereinfachte Verfahren zur Erlangung der russischen Staatsbürgerschaft existieren auch auf der staatlichen Ebene mit Weißrussland, Kasachstan und Kirgisistan.

Russland reagiert mit diesen Gesetzen auf aus meiner Sicht zunehmenden Demographischen Druck. Russland verfolgt somit das Ziel, Familien mit Kindern anzuziehen, die die Bevölkerungsschrumpfung in der RF zumindest verlangsamen könnten.

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Russland, Zentralasien und demographischer Wandel

Veröffentlicht am 03 Oktober 2007 von Paul Becker

Bild: wikipedia

Saodat Alimowa, eine Expertin in Sachen der Arbeitsmigration in den Zentralasiatischen Ländern: Russland wird die Menschen anwerben, um die Folgen des demographischen Wandels abzudämpfen.

- “Morgen werden die Migranten aus zentralasiatischen Ländern vorwiegend nur in Russland arbeiten”.

Die Perspektive der Schaffung eines gemeinsamen Arbeitsmarktes in den Ländern Zentralasiens erscheint der Expertin aus Duschanbe in 15- 20 Jahren als möglich.

- “Es wird es dann möglich, wenn es Transportkorridore durch diese Länder eröffnet werden, wenn um sie herum die Marktinfrastruktur entwickelt wird. Diese Korridore werden ein Stimulus für die Entwicklung kleinen und mittleren Unternehmertus geben, sie werden die Entwicklung der Industrieproduktion in diesen Ländern begünstigen. Und dann wird eine Notwendigkeit in Arbeitskraft entstehen. In diesem Fall wird die zentralasiatische Integration des gemeinsamen Arbeitsmarktes möglich und es werden die Bedingungen für den Transfer der Arbeitskraft aus einem Staat in den nächsten geschaffen. Doch das passiert nicht morgen, sondern erst in 10- 15 jahren” - meint die Expertin.

© migrocenter.ru

Nach Meinung von Dr. S. Alimowa, “werden die Migranten aus Zentralasien morgen vorwiegend in Russland arbeiten”.

- “Und ich denke, dass Russland langsam zu begreifen anfängt, dass es Arbeitskräfte braucht, es wird wie ein Staubsauger nicht nur die Arbeitskräfte ansaugen, sondern alle, die imstande sind die Bevölkerung zu reproduzieren, Männer und Frauen. Auf die Frage, wo sie denn alle herkommen sollen, gibt es nur eine Antwort – aus Zentralasien. Russland braucht in den nächsten 2 bis 3 Jahren mindestens 15 Mio. Arbeitsmigranten. Wo können sie angeworben werden? Nur hier in Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan.” - so Alimowa.

Laut Meinung der Expertin bleiben die Länder Zentralasiens momentan in Ungewissheit bezüglich der Fragen von Migrationspolitik.

- “Russland ist sich selbst noch nicht sicher wie es seine Migrationspolitik betreiben soll. Meine Meinung ist, dass Russland einfach die Menschen ins Land holen wird, um dem demographischen Wandel entgegenzuwirken. Wenn das der Fall sein wird, dann sind all unseren Überlegungen bezüglich der Schaffung eines gemeinsamen Zentralasiatischen Arbeitsmarktes grundlos, da Russland, wie z.B. Kanada, eine große Anzahl an Menschen für den dauerhaften Aufenthalt aufnehmen wird. Um diese Ziele erreichen zu können, wird Russland bestimte Privilegien einführen. Und die Anfänge dieser Maßnahmen können wir bereits jetzt beobachten. Und solche Szenarioentwicklung ist unumgänglich und in diesem Fall werden wir selbst Probleme mit der Arbeitskraft bekommen”- meint die Expertin.

Wie Frau S. Alimowa bemerkt hat, begann auch in den Ländern Zentralasiens der demographische Wandel: Alle Länder verbuchen bereits senkende Geburtenraten, insbesondere im bevölkerunsreichem Usbekistan.

- “In 15 Jahren pendelt sich die zentralasiatische Geburtenrate auf dem Niveau Polens ein, wobei der Abfluss der Arbeitskraft nach Russland sich nicht verringern wird.” sagte die Expertin.

Wenn Russland aber beschließt nur Arbeitskräfte aufzuhnemen, was bei der “Entvölkerung” mancher Regionen eigentlich undenkbar ist, dann kann sich die Situation ändern. Wenn Russland “Die Arbeitsmigrationzyklusvorschlag der Europäischen Union annimmt, dann bekommen die Länder Zentralasiens die Möglichkeit einen gemeinsamen Arbeitsmarktmit den Transportkorridoren zu schaffen.

- Das Problem aller zentralasiatischer Länder besteht darin, dass unsere Länder von einer riesigen Anzahl Außenfaktoren abhängig sind- wie verhalten sich Russland, China, die Europäische Union, Länder Südostasiens. Unsere Länder befinden sich in der Mitte und sind abhängig von Allen. Anstatt sich dynamisch auf die Herausforderungen der Außenwelt zu reagieren, tun wir nichts.” – sagte Saodat Alimowa abschließend.

Quelle: Tazar

Übersetzung: Paul Becker/ gusnews

Kommentar: Ich erlaube es mir, eine andere Meinung als Frau Alimowa zu vertreten. Es stimmt schon, dass Russland zu einem Migrationsland werden soll, doch die Arbeitskräfte könnnen, müssen aber nicht zwangsweise aus den Zentralasiatischen Republiken kommen. Es gibt ein weit größeres Reservoir an Arbeitskräften als Zentralasien- nämlich China, mit ihren 200- 300 Millionen Wanderarbeitern jährlich. Und wenn jetzt einer sagt, “na ja aber die Zentralasiaten sprechen wenigstens Russisch und können besser integriert werden”, dann sage ich, dass das nur bedingt zutreffend ist. Denn seit nun 17 Jahren Unabhängigkeit, sprechen bei weitem nicht alle Russisch. Aber auch die Akzeptanz in der russischen Bevölkerung gegenüber den “Gastarbeitern” (so werden sie auch im Russischen genannt) lässt noch zu wünschen übrig. Angesichts des Bevölkerungsrückganges ist es verwunderlich, dass es kein Umdenken stattfindet, ganz im Gegenteil, die rassischen und andere Vorurteile nehmen in der russischen Bevölkerung sogar zu. Und es gibt keine Gegensteuerung seitens der Regierung – keine PR- Kampagne, keine Aufklärung.

Aber auch die Idee der Transportkorridore für Arbeitskräfte in Zentralasien ist meiner Meinung nach ein Humbug. Kasachstan sucht jetzt zwar händeringend nach Arbeitskräften, um seine Wirtschaft wieder aufzubauen, doch es sind nicht die Usbeken (es gab und gibt große interetnische Spannungen zwischen den Usbeken und Kasachen), oder Tadschiken, sonder Spätaussiedler, die zurückkehren sollen. Bevor Jahrhundertealte Fehden nicht beigelegt werden, kann es von einem gemeinsamen zentralasiatischen Arbeitsmarkt keine Rede sein. Aber vielleich könnte es der erste Schritt zu einer gemeinsamen Zukunft Zentralasiens werden, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts in einem sehr starken politischen, militärischen und wirtschaftlichen Umfeld meistern zu können. Wer weis, wer weis.

Crosslinks:

- Wie sollte sich die westliche Welt gegenüber den “Demokratien” Zentralasiens verhalten?
- Wir haben enormes Potenzial!
- EU hat erstmals Zentralasienstrategie
- Zu viel Rücksicht auf Despoten
- Kasachstan fordert Reform der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten

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