Tag Archiv | "Russland"

Tags: , , ,

Russland: 750 000 Patienten aus den geschlossenen Einrichtungen entlassen

Veröffentlicht am 09 November 2011 von Paul Becker

Laut dem Bericht der “Svobodnaya Pressa” läuft in Russland demnächst die Kampagne zur Entlassung von 750 000 Menschen aus den geschlossenen Einrichtungen aus.

Bild: Svobodnaya Pressa

Das föderale Zielprogramm zur “Vorbeugung und Bekämpfung der sozialrelevanten Erkrankungen in den Jahren 2007 – 2011″ sieht eine Entlassung von 750 000 Patienten aus den geschlossenen Einrichtungen vor und läuft gerade aus.

Der Vorschlag zu der Kampagne wurde im Juni 2006 auf dem nationalen Kongress der sozialen Psychiatrie unterbreitet und sah eine Entlassung von rund einer Million Patienten vor. Die Verabschiedung des Programms wurde durch den Spardruck verstärkt. Das ausschlaggebende Argument war jedoch die Annahme der Ärzte, die Patienten würden in der häuslichen Atmosphäre besser und schneller genesen. Das Programm sah eine Einrichtung von Ambulanzen vor, die für ehemalige Patienten jederzeit erreichbar sind. Geplant war auch ein System der sozialen Adaptation, welches die Hilfe bei der Suche von Unterkunft und Arbeit beinhaltete.

Das Programm hatte zum Ziel die wiederholten stationären Aufnahmen in der Psychiatrie (im gleichen Jahr) auf 17,3 % und die durchschnittliche stationäre Verweildauer auf 65 Tage zu reduzieren, so “Svobodnaya Pressa”.

Weiterhin wird berichtet, dass von den eingeplanten Ambulanzen bis heute noch keine eingerichtet wurde und die Menschen somit ihrem eigenen Schicksal überlassen wurden. Die regelmäßige Kontrolle der Medikamenteneinnahme seitens der Ärzte findet also nicht mehr statt. Auch das Dispensaire- System aus der Sowjetzeit liegt brach. Dabei wurden nicht nur Patienten mit leichten Geistesstörungungen entlassen, sondern auch Menschen mit schweren psychischen Störungen.

Quelle: Психбольницы распахнули двери

Kommentare (0)

Tags: , , ,

Arbeiten in Russland: Was muss man dabei beachten?

Veröffentlicht am 01 September 2011 von Paul Becker

Viele Deutsche zieht es vermehrt nach Russland. Sei es als Tourist, oder auf der Suche nach Arbeit. Die russischen Großstädte sind für die meisten deutschen Firmen schon lange kein Terra Incognita mehr. Die Einfuhren aus der Russischen Föderation beliefen sich 2008 auf 37086,8 Millionen Euro, die Ausfuhren in die Russische Föderation betrugen im gleichen Jahr 32312,4 Millionen Euro. Auch wenn die Werte 2009 im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise sanken, so bleibt das Land ein wichtiger Energielieferant und Abnehmer der deutschen Industrieerzeugnisse. Neben den großen Namen aus der deutschen Industrie tummeln sich mittlerweile auch viele deutsche Mittelständler in Russland. Diese internationale Verflechtung bietet auch für deutsche Arbeitnehmer eine ausgezeichnete Chance die eigene Karriere voranzutreiben und auch den eigenen Horizont zu erweitern.

Doch was sollte man bei einem Auslandsumzug nach Russland beachten? Russland gehört zu einem Land, in denen für die Deutschen und andere Europäer die Visumspflicht herrscht. Dabei wird zwischen touristischem und Arbeitsvisa unterschieden. Zwar strebt das Land eine Visumsfreiheit mit den Ländern der EU. Doch das ist aus der heutigen Sicht noch eine Zukunftsmusik.

Worauf auf jeden Fall geachtet werden muss, ist die Vollständigkeit und Aktualität aller für das Visum geforderter Unterlagen. Bitte beachten Sie auch, dass das Beantragen eines neuen Reisepasses mehrere Wochen in Anspruch nimmt. Planen Sie auf jeden Fall einen Zeitpuffer ein. Wenn Sie nicht mehr in Deutschland gemeldet sind, kann Ihr russischer Wohnort in einen Reisepass, vorläufigen Reisepass, Kinderreisepass oder Kinderausweis eingetragen werden.

Bitte denken Sie auch daran, von allen wichtigen Dokumenten eine Übersetzung von einem vereidigten Dolmetscher/Übersetzer anzufertigen. In den Großstädten finden Sie zwar immer jemanden, der Englisch spricht (mit ein wenig Glück auch Jemanden, der Deutsch kann), die Behördengänge werden aber ohne die vorher übersetzten Dokumente etwas mühsam, wenn nicht gar unmöglich sein. Bitte überprüfen Sie, ob Sie eine Verpflichtungserklärung gem. §§ 66 – 68 des Aufenthaltsgesetzes benötigen.

Ein sehr guter Ansprechpartner für Ihren Umzug ist auf jeden Fall die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Russland und ihre 7 Amtsbezirkskonsulate.

Auch meine Bloggerkollegin Manus Moskau, die selbst in Russland lebt und arbeitet hat bestimmt den Einen, oder Anderen Tipp parat.

Kommentare (0)

Tags: , , , ,

Analysen: Rente und Rentner in Russland seit 1991 5. Teil

Veröffentlicht am 26 Juli 2011 von Paul Becker

Nach den Daten von RLMS lag der Anteil der Rentnerpaare 1998, deren Geldeinkommen sich unterhalb des Existenzminimums befand bei 10,5%. Das Geldeinkommen pro Kopf betrug dabei durchschnittlich bei 79,8% des Existenzminimums. Laut einer Umfrage von 324 Altersrentnern in Sankt Petersburg hatten 1994 12,3% von ihnen ein Durchschnittseinkommen, das der minimalen Rente äquivalent war oder sogar darunter lag (vgl. dazu N. Tchernina: Die russischen Rentner in den 90er Jahren S. 32ff.)

Das Geldeinkommen von 99% dieser Rentnerehepaare bestand ausschließlich aus Renteneinkommen. 6% nannten als zusätzliche Einkommensquelle den Verkauf oder Tausch eines Teils der eigenen Ernte. Ebenfalls 6% dieser Familien erhielten Lebensmittel von Dritten. Die Umfrage verdeutlicht eine außergewöhnlich große Bedeutung der Subsistenzwirtschaft in den 90er Jahren. 87.9% der armen Rentner teilten mit, dass sie ein Grundstück haben, 72,7% von ihnen hatten Vieh, Geflügel und Bienen, während die Mittelwerte aller befragten Rentnerehepaare bei entsprechend 74,3% und 34,9% lagen. Auch die Erzeugnisse der armen Rentnerehepaare wurden sowohl für den Eigenbedarf genutzt, als auch innerhalb der „großen Familie“ verteilt. 30% dieser Rentnerehepaare unterstützen sogar noch die Familien ihrer Kinder. Offensichtlich übergaben sie ihnen einen Teil der Ernte und tierischer Erzeugnisse. Durchschnittlich wurde die Hilfe von den Eltern auf 337 Rubel pro Familie geschätzt, was 60% des Geldeinkommens dieser Familien entsprach.

Insbesondere in den ländlichen Gebieten existiert noch eine interfamiliäre Kooperation. Die Renter in ländlichen Gegenden erhalten Samen, Geld für den Kauf von Nutztieren und Geflügel von ihren oft in der Stadt lebenden Verwandten (vor allem sind es Kinder und Enkelkinder) und züchten dann Tiere und Pflanzen, besonders Kartoffeln und Kohl (in südlichen Gegenden werden sie oft von Melonen und Wassermelonen ersetzt, die dann verkauft werden). Die Kinder kommen dann zwei bis drei Mal im Jahr vorbei, um beim Pflanzen und Ernten zu helfen. Die Rentner leisten den Rest der Zeit die körperliche Arbeit allein und haben häufig keine Zeit für Erholung oder medizinische Betreuung.

Die Ausgabenstruktur der armen Rentnerhaushalte ist dadurch gekennzeichnet, dass nur jede zweite Rentnerfamilie im Befragungszeitraum Medikamente bezahlt hat. Die Höhe der dafür aufgewandten Mittel betrug durchschnittlich 106,7 Rubel pro Familie, was einem Fünftel des gesamten Geldeinkommens entsprach. Es ist allerdings bekannt, dass vor allem Menschen in den ländlichen Gegenden Medikamente nicht in der Apotheke kaufen, sondern traditionelle Heilverfahren mit Arzneikräutern anwenden, die sie im Wald und auf den Feldern sammeln. Die meisten Rentner müssen auf moderne Medikamente und medizinische Hilfe aber auch verzichten, weil kostenpflichtige medizinische Leistungen die freie Gesundheitsfürsorge verdrängen und für sie unerschwinglich sind. (Die Krankenversicherung war in der Russischen Föderation der 90er Jahre unbekannt. 18,2% der befragten armen Rentnerpaare hatten sich schon Mal Geld für medizinische Versorgung leihen müssen. Der Mittelwert betrug hier 1.084 Rubel und war damit mehr als doppelt so hoch wie das monatliche Durchschnitteinkommen. Die Daten von RLMS verdeutlichen, dass 2/3 der Schuldenfälle aufgrund von Ausgaben für Arzneimittel oder dringenden Operation entstanden sind.

Alleinstehende Rentner

Aus den RLMS- Daten wurden schließlich jene Haushalte ausgewählt, die aus einem Altersrentner bestehen (395 Haushalte). Der Anteil der Frauen an diesen Haushalten betrug 87,3%. Die bestehende Geschlechtsdiskrepanz fand sich also auch bei den befragten alleinstehenden Rentnern wieder. In der Altersstufe von 55 bis 69 Jahren betrug das Verhältnis zwischen Männern und Frauen 1:6,6, In der Altersstufe von 70 bis 79 Jahren 1:6,5 und in der Altersstufe von 80 Jahren und älter sogar 1:7,9.

Tabelle: Die Struktur des Einkommens pro Monat (388 alleinstehende Rentner)


Quelle: RLMS, 8. Erhebung, Oktober 1998- Januar 1999

Betrachtet man die Einkommenssituation der alleinstehenden Rentner, so ist es sofort deutlich zu sehen, dass auch bei dieser Gruppe die Rente das fast ausschließlich alleinige Geldquelle darstellt. Das Durchschnittseinkommen pro Monat lag mit 504,2 Rubel 10,7% niedriger als bei den entsprechenden Rentnerpaaren (564,8 Rubel pro Kopf ). Die Rente (416 Rubel) war dabei durchschnittlich 5,1% geringer als die Rente der Rentnerpaare (438,4 Rubel pro Kopf). Das hängt damit zusammen, dass die Rente bei Frauen wesentlich niedriger ausfällt als bei Männern und die Frauen in dieser Gruppe deutlich überrepräsentiert sind.

Geldeinkommen durch Vermietung und Verpachtung von Eigentum ist in dieser Gruppe ebenfalls seltener. 22,7% der alleinstehenden Rentner hatten eine zusätliche Einnahmequelle durch die Vermietung von Zimmern in ihren Wohnungen (Mittelwert 93 Rubel). Der Anteil der arbeitenden Rentner war mit 9% geringer als bei den Rentnerehepaaren (14,9%). Der hohe Frauenanteil unter den alleinstehenden Rentern verdeutlicht die Problematik, denn Frauen hatten in Russland es schwerer, im Rentenalter eine Arbeit zu finden. Mit zunehmendem Alter sinken die Jobchancen noch weiter. Und der Anteil der über 70jährigen in dieser Kategorie war mit 24,6% sehr hoch. (Laut einer Befragung von 450 Rentnern durch das Ministerium für Arbeit und soziale Entwicklung der Russischen Föderation arbeitete 1999 ein Viertel der Menschen in der Altersstufe zwischen 55 bis 60 Jahren regelmäßig. Ab 60 reduziert sich der Anteil der arbeitenden Menschen dann allerdings erheblich. Der entsprechende Anteil beträgt in der Altersstufe von 61 bis 70 Jahren 10,9% und bei den über 70jährigen nur noch 5,9%. (Vgl. Uskova N.: Portret pozhilogo tscheloveka, S. 29- 31)

Ein großer Unterschied bestand laut den Daten des RLMS zwischen dem Durchschnittseinkommen der Frauen und dem der Männer (484,8 Rubel zu 638,8 Rubel). Die durchschnittliche Frauenrente war dabei um 98 Rubel und damit um fast einen Fünftel geringer als die Rente allenstehender männlicher Rentner. Die Rentnerinnen waren daher noch stärker auf die Subsistenzwirtschaft angewiesen, um den Mangel an Geldeinkommen zu kompensieren. Und tatsächlich lag der Anteil der Rentnerinnen die ein Grundstück besitzen bei 53%, bei den Männern im gleichen Alter lag dieser Anteil bei nur 40%. 16,9% der alleinstehenden Rentnerinnen hatten Vieh und Geflügel, während es bei den alleinstehenden männlichen Rentnern nur 8% waren.

Fast ein Viertel der alleinstehenden Rentner hatte Lebensmittel von Dritten erhalten (für durchschnittlich 163,5 Rubel pro Monat). Wenn die Rentner als Unterstützung Geld erhielten, so kamen die Mittel zu 85,7% von Verwandten und Freunden.

Nur 0,3% der befragten alleinstehenden Rentner erhielten eine nterstützung von der Kirche. Ebenso viele Menschen erhielten Sozialleistungen der ehemaligen Betriebe, Veteranenbetreuung durch die Gewerkschaften oder auch Hilfe von internationalen Institutionen. 3,1% der alleinstehenden Rentner erhielten Lebensmittel von Privatpersonen oder verschiedenen Institutionen.

Auch die alleinstehenden Rentner waren aber nicht nur Empfänger von Leistungen. Ein Fünftel der befragten Rentner gab an Andere zu unterstützen. Bei 16,8% der Befragten handelte es sich dabei um eigene Kinder und Enkelkinder. 20% der Respondenten in der Altersstufe 61 bis 80 gaben an, sie unterstützen ihre Kinder bei der Erziehung von Enkelkindern. Auch ein Drittel der Rentner im Alter von 80 Jahren und älter unterstützten noch Ihre Kinder bei der Erziehung (Vgl. Uskova N.: Portret pozhilogo tscheloveka, S. 29- 31) In Geld bewertet, belief diese Hilfe auf durchschnittlich 153,6 Rubel im Monat. Ganz unverkennbar ist dabei, dass Rentnerinnen der Familie ihrer Kinder mehr halfen, als es Rentner taten. So halfen alleinstehende Rentnerinnen 1,6 Mal häufiger die Enkelkinder großzuziehen, als es Rentner taten. Auch bei den alleinstehenden Rentnern gab es eine Wechselbeziehung zwischen der Hilfe von Rentnern und ihren Nebenverdiensten. Der Anteil hilfeleistender, arbeitender (alleinstehender) Rentner war höher als der entsprechende Anteil aller (alleinstehender) Rentner (34,3% bzw. 16,8%). Die arbeitenden Rentner hatten mehr Möglichkeiten, finanzielle Hilfe zu leisten, die nicht arbeitenden Rentner leisteten dafür mehr Hilfe in Form von Sach- und Dienstleistungen.

Auch bei alleinstehenden Rentnern hat nach den Daten von RLMS „in den letzten 30 Tagen“ nur etwa jeder zweite Rentner (48,7% der Befragten) Medikamente bezahlt, 2,8% der Befragten hatten Ausgaben für eine ärztliche Betreuung, die ca. 12,6% des Durchschnittseinkommens betrugen. Wenn man bedenkt, dass die Hälfte der alleinstehenden Rentner über 70 sind oft chronisch krank ist, dann fragt man sich nicht mehr warum die durchschnittliche Lebenserwartung in Russland so gesunken ist.

Kommentare (0)

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Die schrumpfende Weltmacht: Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten.

Veröffentlicht am 16 April 2011 von Paul Becker

Eine neue Studie des Berlin-Instituts untersucht, welchen demografischen Veränderungen die
Regionen Russlands und der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken heute und in Zukunft ausgesetzt
sind.

Von Stephan Sievert, Reiner Klingholz, Paul Becker, Klaus-Helge Donath, Steffen Kröhnert

Knapp 20 Jahre sind vergangen, seit der gescheiterte Augustputsch 1991 das endgültige Aus der Sowjetunion besiegelte. Mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems der regionalen
Arbeitsteilung wurden aus ökonomischen Verbündeten über Nacht Wettbewerber: War den zentralasiatischen Staaten zuvor die Produktion von Wasserkraft und Baumwolle zugedacht, der Ukraine die Lieferung einer Vielzahl von Fertiggütern und Moldawien die von Lebensmitteln, mussten die Länder fortan auf eigenen Beinen stehen und eigene Märkte für ihre Produkte suchen. Und auch innerhalb der neuen Staaten und Regionen entbrannte ein Wettbewerb um Kapital, Menschen und Technologien. Wo sich Wirtschafts- und Besiedlungsstruktur ehemals sicherheitspolitischen Aspekten unterordnen mussten, folgen sie nun überwiegend der Logik des Marktes. Vielerorts hat diese die etablierten Strukturen längst ad absurdum geführt: Zahlreiche Industriesiedlungen sind unter hohen Produktionskosten zusammengebrochen, Zentren der Rüstungsindustrie obsolet geworden, und ländliche Räume haben sich durch Abwanderung entleert.

Zwischen den neuen Freiheiten und dem ungewohnten Angebot an Konsumgütern einerseits und der millionenfachen Armut und Arbeitslosigkeit andererseits klaffte allerdings schnell ein riesiges Loch. Nicht nur auf die seelische Gesundheit der Menschen hatte dies verheerende Auswirkungen: Drogen- und Alkoholmissbrauch richteten viele körperlich zugrunde. In Russland sank die Lebenserwartung für Männer mit 57 Jahren auf den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit. Wer kaum genug hatte, um das eigene Überleben zu sichern, konnte es sich erst recht nicht leisten, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Binnen eines Jahrzehnts sank die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Russland von über zwei auf 1,2. Zu diesem Trend trug ab Mitte der 1990er Jahre auch die neu gewonnene Freiheit bei, die viele Frauen dazu veranlasste, den Kinderwunsch gegenüber jenem nach Selbstverwirklichung zurückzustellen.

Die Bevölkerungszahl Russlands ist seit 1993 von knapp 149 auf 142 Millionen Menschen zurückgegangen.
Wären nicht mehrere Millionen ethnische Russen nach dem Ende der Sowjetunion in ihre alte Heimat zurückgekehrt, wäre der Verlust etwa doppelt so hoch ausgefallen. Auch weil das Reservoir der Auslandsrussen langsam aufgebraucht ist, wird sich der Bevölkerungsrückgang in Zukunft beschleunigen. Denn in den nächsten Jahren kommen die ausgedünnten Jahrgänge der 1990er ins Elternalter. Bis 2030 könnte Russland weitere 15 Millionen Menschen verlieren – am stärksten wird der Rückgang unter der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter sein. Für die wirtschaftliche Zukunft des Landes wird es daher immer wichtiger, dass die restliche Bevölkerung über einen guten Bildungs- und Gesundheitsstand verfügt.

Die neue Studie „Die schrumpfende Weltmacht – Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten“ des Berlin-Instituts zeigt eine Weltregion, die von einem demografischen Schrumpfungsprozess im Norden und einem starken Bevölkerungswachstum im Süden gekennzeichnet ist. Migrationsdruck auf der einen Seite trifft auf Arbeitskräfterückgang auf der anderen Seite. Diese Gewichte auszutarieren, ist in der Realität oft komplizierter, als es in der Theorie erscheint.

Anhand einer Clusteranalyse war es möglich, die 141 betrachteten Regionen und Länder auf
dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nach demografischen Charakteristika in fünf Gruppen
mit ähnlichen Herausforderungen einzuteilen.

Die wichtigsten Ergebnisse

Eckpunkte der Studie „Die schrumpfende Weltmacht – Die demografische Zukunft Russlands und der anderen post-sowjetischen Staaten“ des Berlin-Instituts

• Seit 1993 ist die Bevölkerungszahl Russlands von 149 auf 142 Millionen Menschen zurückgegangen – bis dahin war sie seit dem Zweiten Weltkrieg stetig gewachsen.
• Ohne Zuwanderung hätte sich der Verlust auf etwa 11,5 Millionen Menschen belaufen.
• Nach der Wende brach die durchschnittliche Kinderzahl je Frau in Russland von zuvor 1,89 auf 1,16 ein – inzwischen erholt sie sich langsam wieder. Sie liegt heute mit 1,54 jedoch weit unter jenem Niveau, das für stabile Bevölkerungsentwicklung nötig wäre.
• Obwohl sich moderne Verhütungsmittel auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion langsam verbreiten, werden in Russland noch immer mehr Schwangerschaften abgebrochen als in der gesamten EU, in der viermal so viele Menschen wohnen.
• Die Lebenserwartung in Russland sank zwischen 1991 und 1994 von 69 auf weniger als 64 Jahre und trug entscheidend zu den Sterbeüberschüssen bei – auch hier ist jüngst wieder eine leichte Verbesserung zu beobachten.
• Besonders der Gesundheitszustand von Männern verschlechterte sich – sie konnten Mitte der 1990er Jahre lediglich mit einer durchschnittlichen Lebenszeit von 58 Jahren rechnen. Heute liegt die Lebenserwartung mit 62,8 Jahren noch immer niedriger als in Bangladesch.
• Häufigste Todesursache sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen gefolgt von Todesfällen durch äußere Einflüsse (Morde, Selbstmorde, Unfälle).In typischen russischen Industriestädten lässt sich zwischen einem Drittel und der
Hälfte aller Todesfälle unter männlichen Erwachsenen direkt oder indirekt auf Alkoholmissbrauch zurückführen – doch auch Infektionskrankheiten wie Aids oder Tuberkulose sind in Russland auf dem Vormarsch.
• Der Bevölkerungsrückgang wird sich in Zukunft beschleunigen, da die Zuwanderungszahlen niedriger liegen als in den 1990er Jahren und künftig deutlich weniger potenzielle Mütter zur Verfügung stehen.
• Bis 2030 könnte Russland etwa 15 Millionen Menschen verlieren – um eben jene Zahl wird auch die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zurückgehen, da die sinkende Zahl an Kindern durch mehr ältere Menschen ausgeglichen wird.
• Periphere Gebiete im Norden und Osten verlieren überproportional.
• In den zentralasiatischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion und in weiten Teilen des Kaukasus liegen die durchschnittlichen Kinderzahlen dagegen bei über zwei und teilweise sogar drei. Diese Staaten werden auch weiterhin wachsen – Tadschikistan um bis zu 35 Prozent bis 2030.
• Die Arbeitsmigration nach Russland wird weiter anhalten – die Rücküberweisungen der Migranten stellen für Länder wie Usbekistan, Tadschikistan oder Aserbaidschan eine wichtige Hilfe im Kampf gegen die Armut dar.
• Trotz Verbesserungen der russischen Migrationspolitik in den letzten Jahren hält sich noch immer bis zu ein Viertel aller Migranten illegal in Russland auf – und auch registrierte Migranten verdienen ihr Geld häufig in der Schattenwirtschaft.

Zur deutschen Studie (PDF)
Zur englischen Studie (PDF)
Zur russischen Studie (PDF)

Kommentare (0)

Advertise Here
Advertise Here