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Analysen: Interethnische Beziehungen in der Russischen Föderation am Beispiel von Tatarstan 3. Teil

Veröffentlicht am 20 April 2009 von Paul Becker

Eine weitere Größe, die von Bedeutung für das friedliche Zusammenleben der Ethnien ist, wie die Minderheiteneliten die Veränderungen aufnehmen, interpretieren und reagieren. Die Fragen die diesbezüglich gestellt werden können wären:

a. Setzen die Minderheiteneliten auf kurzzeitige Profite bzw. versuchen potenzielle Verluste zu vermeiden, oder dominiert die langfristige Rationalität ihre Kalkulationen und Entscheidungen?

b. Setzen sich die Minderheiteneliten für eigene Ziele bzw. versuchen eigene Verluste zu vermeiden, oder dominiert die starke kollektive ethnische Identität und Solidarität ihre Kalkulationen von potentiellen Profiten und Verlusten?

GUS-News

© GUS-News

Diese Fragen sind im Falle russischer Minderheit relativ einfach zu beantworten. Mir sind keine russischen Politiker in Tatarstan bekannt, die auf kurzfristigen Profite aus sind. Die Tendenz geht eher dazu langfristiges friedliches Zusammenleben zu erreichen. Sicherlich gibt es auf beiden Seiten Akteure, die in eingeschränkten, kurzfristigen Kreisen denken, doch diese sind eher Ausnahmen als Regelfall und finden in der Masse der Bevölkerung noch kein Gehör.

Nikolai Genov entwickelte ein Strerndiagramm, welches das Potential für Kooperationen oder Konflikte auf der Ethnischen Basis beschreibt.

Insgesamt gibt es 2 entgegengesetzte Pole, die interethnische Beziehungen beeinflussen. Zum Einen strukturelle Integration, oder Separation der ethnischen Gruppen in ökonomischer, oder politischer Form. Und zum Anderen der wertnormative Partikularismus, oder die wertnormative Universalisierung. Strukturelle Integration ethnischer Gruppen auf den Arbeitsmärkten und im politischen Leben gepaart mit wertnormativen Universalisierung der Gesellschaft, würde in einer multiethnischen Gesellschaft ein Kooperationspotential aufbauen. Die strukturelle Separation, oder Desintegration ethnischer Gruppen auf den Arbeitsmärkten und politischem Leben dagegen, die im Zusammenhang mit wertnormativem Partikularismus einhergeht, baut in einer Gesellschaft ein Potential für Konflikte auf.

Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse ziehe ich zwei Schlussfolgerungen. Es gibt sowohl unterschiede auf dem interethnischen, als auch intraethnischen Niveau der Toleranz. Während auf der Massenebene innerhalb der tatarischen Gesellschaft ein Konsensus über die Akzeptanz der russischen Kultur, der Sprache und des friedlichen Zusammenlebens, gibt es auf Regierungsebene einige Bestrebungen einen wertnormativen Partikularismus der Tataren zu erreichen. Woher diese Bestrebungen abstammen, ob Aufgrund der Notwendigkeit tatarische Sprache und Kultur im Zuge der Globalisierungsprozesse nicht untergehen zu lassen, oder ob sie von einer radikalen Ablehnung der Toleranz und interethnischen Parität in wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Fragen abstammt bleibt an dieser Stelle unbeantwortet, da es ja eine unüberschaubare Menge an möglichen Motivationen gibt. Fakt ist , dass es nach der Unabhängigkeitserklärung 1992 nicht zum Ausbruch interethnischer Unruhen, oder gar eines Krieges gekommen ist. Radikale Bewegungen blieben mit nur wenigen Tausend Anhängern relativ Bedeutungslos.

Wenn man also nur die tatarische Elite gesondert betrachtet, dann würde man sich im Areal B dieses Sterndiagramms befinden (Potential für Konflikte), da es seitens der Eliten ein eindeutiger wertnormativer Partikularismus gibt, Tataren, ihre Kultur, Religion und Sprache nach 70 Jahren Niederhaltung wieder zu geben und ihr Nationalgefühl zu wecken. Das könnte das Konfliktpotential erhöhen, wird aber meiner Meinung nach durch die Einsicht der Notwendigkeit der Wiederbelebung tatarischer Sprache und Kultur seitens der russischen Bevölkerung kompensiert. Auch kann man eine strukturelle Trennung im wirtschaftlichen und politischen Bereich erkennen (70% der politischen Führung der Republik sind Tataren und die Akzeptanz Russen als unmittelbare Vorgesetzte ist in der tatarischen Bevölkerung sehr niedrig). Dagegen versucht die Regierung zu steuern, vor einigen Jahren wurde das Gesetz zurückgenommen, laut dem jede Person, die ein öffentliches Amt bekleidet beide Amtssprachen zu sprechen hat.

Insgesamt hält sich die interethnische Situation in Tatarstan die Wage, es gibt sowohl positive, als auch negative Entwicklungen. Als einen auf den ersten Blick negativen Faktor könnte der autoritäre Regierungsstil Schaimijews genannt werden. Die wichtigsten Entscheidungen werden im dem von Volker Perthes entwickelten Eliten- Kreisdiagramm in dem innersten Kreis der Kernelite getroffen. Demokratie bleibt auf der Strecke. Doch beim näheren Betrachten stelle ich zumindest für meine Begriffe fest, dass genau dieser autoritäre Führungsstil vielleicht, die Republik in Ihren Anfangsjahren vor interethnischen Unruhen bewahrt hat. Eine durchaus größere Gefahr geht für die Republik seitens der Entfremdung durch den religiösen Einfluss aus dem Ausland aus. Der durch zurückkehrende Gelehrte importierte Wahhabismus zum Beispiel steht im extremen Gegengewicht zu dem sufistischen und toleranten tatarischen Islam.

Es gibt viele positive und negative Entwicklungen in Beziehung auf die interethnische Toleranz in der RT, doch solange rund 30% der befragten Respondenten tatarischer Herkunft angeben, sie seien bereit einen Russen, oder eine Russin als eigenen, oder als Gatten ihrer Kinder zu akzeptieren, solange mache ich mir keine große Sorgen um die Situation in der Republik.

Paul Becker

Crosslinks:

- Analysen: Interethnische Beziehungen in der Russischen Föderation am Beispiel von Tatarstan 1. Teil

- Analysen: Interethnische Beziehungen in der Russischen Föderation am Beispiel von Tatarstan 2. Teil

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Analysen: Interethnische Beziehungen in der Russischen Föderation am Beispiel von Tatarstan 2. Teil

Veröffentlicht am 17 April 2008 von Paul Becker

(…)

© www.kzn.ru

Als nächstes müsste man die Frage beantworten was die Schlüsselvoraussetzungen für eine interethnische Integration und friedliches Zusammenleben sind?

Nikolai Genov nennt in seinem Aufsatz “Comparing Patterns of interethnic integration” diesbezüglich vier Ansatzpunkte:

1. Interethnische Integration setzt eine Anerkennung des Bedarfs für gleiche ökonomische Möglichkeiten für Repräsentanten aller ethnischen Gruppen in der Gesellschaft voraus. Der Zugang zu Arbeit, insbesondere zu einer qualitativ hochwertigen Arbeit, zusammen mit den gleichen Möglichkeiten für private ökonomische Aktivität bilden die Grundpfeile der interethnischen Integration.

2. Der Andere Grundpfeil für eine erfolgreiche Interethnische Integration ist die Parität in Rechten und Möglichkeiten in der politischen Partizipation

3. Die dritte Komponente beruht sich auf die Einbeziehung in das kulturelle Leben. Der Schlüssel zu Realisierung dieser Voraussetzung ist die gemeinsame Sprache und geteilte kulturelle Institutionen.

4. Und Viertens muss eine breitgefächerte wertnormative Identifikation mit der existierenden Gesellschaft gegeben werden, die sich durch alle ethnische Gruppen durchzieht. Diese Voraussetzung kann nur dann erfüllt werden, wenn unterschiedliche Ethnien gemeinsame, geteilte Traditionen haben und das Verständnis für geteilte Aufgaben und Zukunft aufbringen.

Sind diese Voraussetzungen in Tatarstan gegeben?

Zunächst muss man an dieser Stelle erwähnen, dass es sich bei den Ethnien in der Republik Tatarstan um eine eigenartige Konstellation handelt. Die Tataren bilden die größte Minderheit in der Russischen Föderation (rund 5,5 Millionen, oder 3,8% der Gesamtbevölkerung), in Tatarstan selbst sind sie aber in der Mehrheit (3,8 Millionen, oder rund 51,3%. Deshalb ist die Situation sehr fassettenreich.

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Analysen: Interethnische Beziehungen in der Russischen Föderation am Beispiel von Tatarstan 1. Teil

Veröffentlicht am 16 April 2008 von Paul Becker

Ethnie oder Ethnos ist ein Begriff aus der Ethnologie. Völkerkundler (Ethnologen) fassen mit diesem Begriff Menschen mit gleichen sprachlichen und kulturellen Eigenschaften bzw. Merkmalen zusammen.

Eine Beziehung ist eine Gemeinschaft zwischen zwei oder mehreren Individuen die zu einer Einheit (Gruppe) zusammengefasst sind, emotionale Bindekräfte aufweisen und ein Zusammengehörigkeitsgefühl (Wir-Gefühl) haben.

Einführung

Die ideologische Vision einer besseren Zukunft des proletarischen und späteren sozialistischen Internationalismus beherrschte den Ostteil des europäischen Kontinents und schloss inhaltliche Debatte über die Relevanz der Ethnizität aus. Eine Erwähnung des Themas provozierte normalerweise schon einschränkende politische Reaktionen von Staatseinrichtungen. Die Reaktionen hatten ihren Hintergrund in den frischen Erinnerungen über ethnische Bewegungen und blutige zwischenethnische Zusammenstöße. Unter der Oberfläche der politischen Stabilität und Homogenität waren diese Erinnerungen lebendig und konnten ein plötzliches politisches Wiederaufleben in Bewegungen für die ethnische Autonomie oder Unabhängigkeit hervorrufen.

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